Vertriebene und Flüchtlinge und Evakuierte

Vertreibung und Flucht am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg     Evakuierung während des Zweiten Weltkrieges: 1939 - 1945
Nach dem Lesen der Seiten von 1940 – 1950 der Freienohler Sterbeliste von 1688 – 1975:                                                                                                          Angst vor Erinnerung?  Oder: Interessiert doch keinen! Oder: Ich denke an… Jedoch beweist Erfahrung: Erinnerung ist Motivation für Jetzt-Leben und für unsere Zukunft. Die Gegenwart – zu Beginn des 21. Jahrhunderts beweist das Zitat von Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz: „Geschichte ist der Humus, aus dem die Zukunft wächst.“
Beim Lesen der Sterbeliste nach 1944, 1945 stehen da vielleicht unbekannte Orts-Namen. Im Internet findet man dann zwei stilistisch unterschiedliche Texte. Wikipedia schreibt neutral, nüchtern, sachlich. Ganz anders die zweite Textsorte, auch im Layout.. Sicher von einem Heimatkunde-Fachmann: herzlich, lebendig, voll mit traurigen und lieben Erinnerungen.
Zunächst die drei Haupt-Wörter:                                                                   Vertriebene sind Menschen, Familien, die von Kriegs-Feinden vertrieben worden sind. Ihr Hab und Gut haben sie nicht von sich aus verlassen. Aus ihrem Wohnhaus, von ihrem Grundstück, von ihrem Bauernhof mit Vieh, Feld und Wald sind sie vertrieben worden.                                                                                          Evakuierte sind Menschen, zumeist Mütter mit ihren Kindern (Väter waren als Soldaten an der Kriegsfront), die ihr Wohnhaus, ihre Wohnung  vor  der Bombardierung verlassen mussten, weil ihr Wohngebiet  bei den Bomben-Angriffen höchstwahrscheinlich ausgebombt wird. Die Evakuierten „kamen auf’s Land“, wo die Bombardierung nicht so umfassend war. Das lateinische Grundwort „evacuare“ heißt „ausleeren“; e = ex = aus, vacare = leer machen, Vakuum.                          Flüchtlinge sind Menschen, die von sich aus, rechtzeitig, vielleicht gerade noch rechtzeitig ihre Heimat verlassen haben, verlassen mussten.
Ein konkretes Beispiel nach der Vertreibung, nach der Evakuierung: Eine Vertriebenen-Familie überliefert diese Erinnerung: die Mutter erhielt mit ihren beiden Kindern bei uns in Freienohl eine bescheidene Wohnung, etwas im Hintergrund einer Straße. Nach drei oder vier Monaten rief der kleine Junge: „Mama, da kommt ein Mann, ich kenne den nicht.“ Die Mutter macht die Tür auf: „O, bist du das! Unser Papa!“  Ihn hatten auf der Flucht die Feinde von seiner Frau und seinen Kindern gewaltsam getrennt. Sein Name wird hier nicht genannt.
Ein anderes konkretes Beispiel ein paar Jahre  nach der Vertreibung: Ein junges Paar wollte „katholisch heiraten“: dabei war er katholisch und sie evangelisch, oder umgekehrt; ein Partner war vertrieben aus „dem Osten“ (so sagte man damals). Der katholische Freienohler Pfarrer hatte die kirchenamtliche Erlaubnis von seinem Bischof erhalten. Aber: die kirchliche Trauung musste abends bei Dunkelheit stattfinden! Ob es schon Straßenbeleuchtung gab? Mehr als sehr, sehr seltsam. Heutzutage im 21. Jahrhundert. Damals vielleicht nicht.
Diese historischen Ereignisse können in Büchern nicht nachgelesen werden.                    Freilich: Im Stadtarchiv Meschede in Grevenstein gibt es mehrere dünne und dicke Bücher über die Vertriebenen, geschrieben oft von Vertriebenen. Hier lohnen sich zwei, drei oder mehrere Lesestunden. Auch für Schulklassen, konkret: Alle SchülerInnen bekommen ein Buch, lesen 20 Minuten darin; notieren sich einen, - ihren bemerkenswerten -, Absatz; lesen ihn vor; dann folgt die Diskussion: spannend!  Auch ein Freundeskreis macht sich ähnlich auf den Weg!   Auch unser Gemeinde-Bezirksausschuss für sein beständiges Engagement für Vertriebene und Flüchtlinge in Freienohl.   Auch eine Gruppe unserer St. Nikolaus-Schützenbruderschaft aufgrund ihres Leitworts: Glaube – Sitte – Heimat. – Und in Freienohl gibt es noch mehr Gruppen, die sich um das Wohl von Vertriebenen und Flüchtlingen unserer Jetztzeit kümmern.
Zwei Lese-Beispiele:                                                                    
Ein erstes Beispiel: „Vorgeschichte: Königsberg. Memel. Danzig. Stettin. Breslau. Oppeln. Karlsbad. Eger … diese Städte sind mit der deutschen Geschichte für immer verbunden. In den Provinzen östlich der sogenannten Oder-Neiße-Linie und im Sudetenland waren die Deutschen z. T. über 700 Jahre zu Hause. Sie gründeten Städte, brachten das deutsche Recht mit, etablierten die Hanse, entwickelten das Land, schufen Industrien, Bergwerke, komponierten Musik, dichteten und philosophierten. Es war ein reiches, schönes Land…“  Aus Theodor Schleder: „Dokumentation…“ siehe unten.
Ein zweites Beispiel:  Ausweisungsbefehl aus Bad Salzbrunn, Schlesien, Geburtsort Gerhart Hauptmanns vom 14 Juli 1945, 6 Uhr. Plakat des Abschnittskommandanten: „Sonderbefehl für die deutsche Bevölkerung. Laut Befehl der polnischen Regierung wird befohlen: 1. Am 14. Juli 1945 ab 6 bis 9 Uhr wird eine Umsiedlung der deutschen Bevölkerung stattfinden. 2. Die deutsche Bevölkerung wird in das Gebiet westlich des Flusses Neisse umgesiedelt. 3. Jeder Deutsche darf höchstens 20 kg Reisegepäck mitnehmen. 4 Kein Transport (Wagen, Ochsen, Pferde, Kühe usw.) wird erlaubt. 5. Das ganze lebendige und tote Inventar in unbeschädigtem Zustande bleibt als Eigentum der Polnischen Regierung. 6. Die letzte Umsiedlungsfrist läuft am 14. Juli um 10 Uhr ab. 7. Nichtausführung des Befehls wird mit schärfsten Strafen verfolgt, einschließlich Waffengebrauch…“ – In diesem Buch „Alfred de Zayas: Zeugnisse der Vertreibung“ gibt es über 50 Bilder und Fotos von grauenhaften Szenen: von deutlich erschossenen kleinen Kindern, von sichtbar vergewaltigten und dann erschossenen jungen Mädchen und Frauen.
Hier folgt die Auflistung der Bücher zum Thema Flucht – Vertreibung  vom Stadtarchiv Meschede in Grevenstein.                                                                                                                                           Hier werden nur Autor und Titel genannt:                                                          Amnesty international (Hrsg.): Freiwillige Flücjtlinge gibt es nicht ///  Becker, Rolf O.: Die Flucht – Die Besetzung: Nieder-Schlesien 1945 ///  Birk, Gerhard: Gefrorene Tränen – Blutiger Schnee: Flucht und Vertreibung aus Schlesien  ///  Böddeker, Günter: Die Flücjtlinge. Die Vertreibung der Deutschen im Osten   ///   Borgmann, H. u.a.: 10 Jahre Reichswaldsiedlung; Flüchtlinge und Vertreibung   ///   Bundeministerium für Vertriebenem Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße; 2 Bände   ///   Theodor Schleder mit Adolf Diestelkamp, Rudolf Laun, Peter Rassow und Hans Rothfels: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa; Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder; Aus Ost-Mitteleuropa (3 Bände)   ///   Thiel, Wolfgang: Flucht und Vertreibung aus Schlesien   ///   Esser, Heinz: Lamsdorf – Fokumentation über ein polnischs Vernichtungslager   ///   Hinderlich, Ida: Winziger Tagebuch, Über den Fluchtweg von Treck Nr. 1078   ///   Hirsch, Helga: Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema   ///   Kaps, Johannes: Die Tragödie Schlesiens 1945/1946 unter besonderer Berücksichtigung des Erzbistum Breslau   ///  Kekkonen, Urho: Finnlands Lösung der Flücjtlingsfrage   ///   Koenigswald, Harald von: Wege und Ziele: Gedanken zur gesellschaftlichen Eingliederung der Vertriebenen, Über die staatspolitische Haltung und Einsatzbereitschaft der Heimatvertriebenen, Der Strukturwandel des deutschen Volkes, 1950 (!)   ///   Koenigswald, Harald von: Jugend zwischen  Ost und West. Eingliedrung der Sowjetzonenflüchtlinge in das westdeutsche Wirtschafts- und Geistesleben (1956!)   ///   Lorenz, Franz (Hrsg.): Schicksal Vertreibung. Aufbruch aus dem Glauben; … religiöses, geistiges und kulturelles Ringen.   ///   Nahm, Peter Paul: Nach zwei Jahrzehnten: 1965.   ///   Nolywaika, Joachim: Flucht und Vertreibung der Deutschen (Sudetenland)   ///   Richter, Erika: Die Integration der Vertriebenen in Meschede; Schulwettbewerb Meschede.   ///   Turnwald, Wilhelm (Hrsg.): Dokumente der Austreibung der Sudetendeutschen.   ///   Volkmann, Rolf: Das Flüchtlingslager Mariental   ///   Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge (Hrsg.): Treibgut des Krieges. Zeugnisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen.   ///   Zayas, Alfred M. de: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen: Vorgeschichte, Verlauf, Folgen. – Und s.o.: Zeugnisse der Vertreibung.
Vergleichen Sie, wir mal die Vertreibung, Flucht von 1944, 1945 mit unserer Jetztzeit … 2018 …
Heinrich Pasternak, September 2018