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Über Not und Notwendigkeit einer Apotheke in Freienohl
Eine Apotheke benötigt Freienohl wirklich
Benötigen heißt: Not beenden.
Unsere St. Nikolaus-Apotheke und Hirsch-Apotheke schafften das!
Denn traurig macht die hohe Kindersterblichkeit!
Seit 1837 drängt und drängelt Freienohl. Landrat und Königliche Regierung in Arnsberg: Geht nicht! Zu teuer für Freienohl! - Rund 60 Jahre dauert es bis zur „Concessionierung“, bis zur offiziellen, behördlichen Genehmigung.
Schon 1831 liegt beim Freienohler Schultheiß Franz Feldmann eine behördliche, gedruckte Bekanntmachung und ausführliche Information vor: „Verhütung und vorläufige Behandlung der asiatischen Cholera“. - Nur der Anfang des Textes wird hier zitiert. Er zeigt schon etwas vom Alltagsleben, Sonntagsleben, Zusammenleben mit dem Blick auf die Seuche Cholera aufgrund des Wissens von damals:
„Regeln zur Verhütung der Cholera: Man schützt sich am sichersten vor der Cholera durch Mäßigkeit in allen Genüssen durch Reinlichkeit, angemessene Kleidung, gesunde Nahrung, Bewegung in freier Luft, stete Beschäftigung, Verbannung aller übertriebenen Furcht und ein ruhiges Gott ergebenes Gemüt. In dieser Hinsicht sind folgende besondere Vorschriften zu beobachten: 1. Man vermeide alle Gastmähler und Trinkgelage, besonders alle späte Abendmahlzeiten, so wie überhaupt den Genuss aller Speisen und Getränke, die schwer zu verdauen sind oder leicht Durchfall erzeugen. Hierher gehören besonders: Speck, sehr fettes hartes und zähes Fleisch, dergleichen Fische, besonders Seefische, Aale, Neunaugen, Bücklinge, Krebse; hart gekochte Eier, viel blähendes Gemüse, besonders Kohl, Sauerkraut, Gurken usw., kältendes Obst, besonders rohes und unreifes, Melonen, Pflaumen; zähe Klöße, warmes frischgebackenes Brot, fettes Backwerk; Übermaß geistiger Getränke, besonders des Branntweins, junges nicht gehörige ausgegorenes, oder altes sauer gewordenes Bier; kaltes Wasser, in großen Quantitäten auf einmal getrunken. - Auch der unmäßige Genuss anderer an sich unschädlicher Speisen und Getränke kann leicht nachteilig werden, nichts ist aber schädlicher, als die Befriedigung dieser Gelüste während einer heftigen Gemütsaufregung oder das sogenannte Vertrinken des Ärgers...“
Fortsetzung: AA 1785, Jahr 1831; aus dem Jahr 1870 ist nachlesbar im Freienohler Pfarr-Archiv Nr. 02: Akten staatlicher Behörden ein ähnlicher Text: „Anleitung zum zweckmäßigen Verhalten bei der Cholera“. – Die Abkürzung AA bedeutet Akte im Amts-Archiv Freienohl im Stadtarchiv Meschede in Grevenstein.
Im Jahr 1838 hat sich der Freienohler Bürgermeister Koffler (der Titel Schultheiß ist nicht mehr üblich) für eine Apotheke in Freienohl eingesetzt.
Am 28. November 1838 antwortet ihm der Apotheker Müller aus Medebach: „Euer Hochwohlgeboren...Hinsichtlich der Einrichtung einer Apotheke in Freienohl habe ich die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dass ich zwar beabsichtige, meinen Wohnort zu verändern, jedoch vorläufig daran zweifle, dass bei einer Seelenzahl von 5000 Seelen in Freienohl (gemeint ist das Amt, nicht die Gemeinde Freienohl), welches von Arnsberg und Meschede gleich weit entfernt ist, eine Concession zur Anlegung einer Apotheke erteilt werden wird. Da ich schon einige Jahre daran arbeite, eine Concession zu erhalten, so habe ich in dieser Beziehung mit verschiedenen Regierungen (Landräten) korrespondiert und fast immer die Antwort erhalten, dass an einem solchen Ort nicht gleich eine Concession erteilt werden können, es müsste sich vielmehr erst ein Arzt daselbst niederlassen, und abzuwarten sei, ob binnen 3 bis 4 Jahren die medizinische Praxis eine Gewähr für die dauernde Instanz an einem solchen Ort darbiete. Es wäre demnach nötig, dass Sie zuerst den Arzt überredeten, sich in Freienohl niederzulassen und würde man alsdann sehen, dass dieser dort leben können, so könne man die Frage wegen Errichtung einer Apotheke wieder aufnehmen. Bis jetzt glaube ich nicht, dass Ihre Bemühungen von Erfolg sein werden. Mit der Versicherung meiner Hochachtung. Müller, Apotheker“
Abschriften der erwähnten Freienohler Korrespondenz mit dem Landrat in Arnsberg sind in AA 1738 und AA 413 nicht vorhanden.
Zur Apotheke in Freienohl zwar wortlose, sprachlose „Akten-Pause“ bis zum Jahr 1886, aber das alltägliche Leben braucht eine Apotheke.
Das sollen die folgenden Abschnitte deutlich machen.
So folgt hier die Auflistung der Ärzte, die im 19. Jahrhundert bis 1914 (der Gesamt-Text endet mit Beginn des Ersten Weltkriegs, Juli 1914) in Freienohl gearbeitet, gewohnt haben. Ausführlichere biographische Daten stehen im Kapitel: „Gratifikation...Medizinalwesen, Seuchen, Ärzte“
Dr. Petrasch kommt einmal wöchentlich aus Meschede nach Freienohl: 1834 – 1838.
Wundarzt 1. Klasse Wilhelm Müller: Juli – Oktober 1845.
Wundarzt 1. Klasse Heinrich Stephan Rudolph: Februar / März – Juni 1852.
Dr. Carl August Marten: 1888 – 1891.
Dr. August Beckmann: 1891 – 1893.
Dr. Heinrich Bödefeld: 1893 – 1895.
Dr. Wilhelm Gruhs: 1895 – 1904.
Dr. Heinrich Steimann: 1904 – 1908 (jüngerer Bruder von Pfarrer Steimann).
Dr. René Ransoné: 1908 – 1913.
Einschub: aus den Gemeinde-Protokollen vom 13. Juni 1913 TOP 4: Die Gebühren als Armen- und Schul-Arzt sind vom 23. Mai d.J. ab an Dr. Linneborn zu Oeventrop, der diese Funktion hat und ausübt, zu zahlen.
Dr. Nikolaus Dehen: 1913 – 1945.
Nach der Akten-Durchsicht: die anfangs kurze Arbeits-, Wohnzeit in Freienohl könnte doch kein Grund gewesen sein, für Freienohl keine „Concessionierung“ einer Apotheke zuzulassen; vielleicht hat auch der Schriftverkehr: Gemeindevertretung Freienohl – Landrat in Arnsberg – Oberpräsident in Münster – Landrat in Arnsberg – Freienohl so lange gedauert, dass die beiden Herren Müller und Rudolph schon wieder verzogen waren. Darüber ist in Freienohl nichts aktenkundig.
Sorgen, Belastungen, Kummer, Trauer, Probleme, Nöte hinter Statistiken, Tabellen
Zur ersten Tabelle:
Auflistungen durch das 19. Jahrhundert für erste Einblicke zum Durchblick: Für die Zahlen stehen Menschen: Kleine, ganz Kleine und Große, Junge und Alte, Gesunde und Kranke.
Jahr Km Kw Jm Jw Em Ew Äm Äw Hochz Einw
1837 6 5 - - 2 2 5 7 11
1838 6 7 2 - - 4 3 - 12
1840 13 3 - 1 1 4 3 2 11 914
1841 11 9 - 2 3 3 5 5 9
1842 16 7 - 2 4 1 5 5 14
1857 27 24 2 - 3 2 9 11 7 1105
1859 11 7 - - 2 2 2 5 11 1084
1861 9 6 1 - 3 1 4 6 4 1084
1862 13 8 - - - 4 12 5 4 1069
1863 10 7 - - 2 1 3 5 12
1869 7 11 1 - 1 2 3 6 15
1870 10 13 - 2 4 3 2 3 19
1871 9 10 1 - - 2 6 5 7 1079
1875 24 13 2 - 2 5 11 4 7 1200
1879 16 10 1 - 1 2 3 3 7
1884 10 11 1 - 2 1 6 5 13
1886 19 14 1 - 3 - 6 1 8
1887 9 7 - - 7 5 5 4 10
1890 5 11 - 1 2 - 5 10 14 1425
1894 6 5 2 - - 2 4 6 13 1518
1900 8 7 - - 2 2 3 8 -
1905 3 3 2 - - 1 3 5 - 1832
Abkürzungen:
Km: Kind männlich, 0–15 Jahre, + Totgeb. Ew: Erwachsene weiblich, 20 – 40 Jahre
Kw: Kind weiblich, 0 – 15 Jahre Äm: Älterer männlich, ab 40 Jahre
Jm: Jugendlicher, männlich 15 – 20 Jahre Äw: Ältere weiblich, ab 40 Jahre
Jw: Jugendliche weiblich, 15 – 20 Jahre Hochz.: Hochzeiten
Em: Erwachsener männlich, 20 – 40 Jahre Einw.: Einwohner
Anmerkung: Im Sterberegister sind auch Tag und Monat angegeben; also wann sich die Sterbefälle häufen, bei den Kindern und auch bei den Älteren.
Die Summe der Kinder (m + w), der Jugendlichen, der Erwachsenen, der Älteren lässt sich leicht addieren.
Das Minuszeichen bedeutet: kein Akten-Befund.
Für diese Jahre sind Wohnhäuser aktenkundig: 1833: 123; 1864: 166; 1895: 201; 1900: 212; 1905: 240.
Zur zweiten Tabelle: Wachsende Einwohnerzahlen in Freienohl: auch ein Grund für eine Apotheke in Freienohl
Jahr Einwohner Jahr Einwohner Jahr Einwohner
1818 824 1852 1062 1885 1382; davon männl. 697
1831 1029 1855 1094 1890 1415
1839 914 1858 1084 1895 1523; davon männl. 755
1843 1031 1867 1072 1900 1663
1846 1064 1871 1154; davon männl. 593 1905 1832; davon männl. 930
1849 1087 1875 1159 1914 2015
Zur dritten Tabelle:
Gemeinden in der Nähe von Freienohl, ihre Nähe und ihre Einwohnerzahlen
Orte 1891 1894 1904 1905 1906 1908 Kilometer-Entfernung
Im Amt Freienohl
Freienohl 1415 1415 1778 1832 1813 1877
Oeventrop 1548 2294 2411 3
Breitenbruch 129 107
Dinschede 1548 2166
Glösingen
Lattenberg
Wildshausen
Herblinghausen 113 113 105 182 129 6
Hellefeld 296 296 314 314 303 8,5
Linnepe
Meinkenbracht 236
215 236
209 248
189
Rumbeck 400 473
Uentrop 191 259
Visbeck 166 166 145 153 141 6,6
Altenhellefeld 234 234 244 249 243 10,1
Westenfeld 248 248 246 272 286 10.06.12
Grevenstein 557 557 586
Zum Amt Meschede
Olpe 202 237 262 258 263 2,6
Niederberge 187 175 185 182 164 4,1
Mittelberge 104 117 115 119 130 4,9
Oberberge 217 232 251 229 247 5,1
Berger Hammer 3
Berger Hütte 21
Bahnhof Freienohl 15 16 15 17 1
Giesmecke 22 15 14 14 14 4
Bockum 53 56 61 66 76 2,3
Haus Bockum 4
Wennemen 395 501 520 503 533 3,3
Stockhausen 246 250 226 225 5
Stesse 31 26 26 30 5
Calle 447
Wallen 368
Anmerkungen zur 3. Tabelle: Für die Jahre 1891 und 1904 steht Dinschede für Oeventrop. Zu Oeventrop zählen auch: Breitenbruch (falls nicht extra angegeben), Dinschede, Glösingen, Lattenberg, Wildshausen. - Aufgrund der verschiedenen Akten sind die Einwohner-Summen manchmal geringfügig unterschiedlich.
Die Quellen der ersten, zweiten und dritten Tabelle sind: AA 413,1738, 1789, 1794; Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen: Gemeindestatistik des Landes Nordrhein-Westfalen, Heft 8 d: Bevölkerungsentwicklung 1816 – 1871 und Heft 3 c: 1871 – 1861.
Die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter macht auch eine Apotheke notwendig!
Die Gesetz-Sammlung vom 9. März 1839 und vom 16. Mai 1853 bestimmt das zwar nicht ausdrücklich, aber! Eine kleine Auswahl:
§ 1 : Wer Personen unter 16 Jahren zur regelmäßigen Beschäftigung in Fabriken, oder bei Berg-, Hütten, oder Poch-Werken (Hammer-Werken) annehmen will, muss zuvor der Ortspolizei-Behörde Anzeige machen.
§ 2 : Die Beschäftigung darf nicht eher beginnen, als dass der Vater oder Vormund des jugendlichen Arbeiters dem Arbeitgeber ein der Vorschrift des § 3 des Gesetzes vom 16. Mai 1853 entsprechendes Arbeitsbuch eingehändigt (ausgegeben) hat.
§ 3 : Der Arbeitgeber hat dieses Arbeitsbuch zu verwahren, es der Behörde auf Verlangen jederzeit vorzulegen und bei Beendigung des Arbeits-Verhältnisses es dem Vater oder Vormund des Arbeiters wieder auszuhändigen.
§ 4 : Die in § 1 erwähnte Beschäftigung jugendlicher Arbeiter ist vom 1. Juli 1853 an vor deren zurückgelegten zehnten, vom 1. Juli 1854 an vor deren zurückgelegten elften, und vom 1. Juli 1855 an vor deren zurückgelegten zwölften Lebensjahr überhaupt nicht gestattet.
§ 5 : Ebenso ist die Annahme von Arbeitern vor deren zurückgelegten sechzehnten Lebensjahr überhaupt nicht gestattet, wenn dieselben nicht bereits einen dreijährigen regelmäßigen Schul-Besuch genossen haben, oder durch ein Zeugnis des Schul-Vorstandes nachweisen, dass sie ihre Muttersprache geläufig lesen können und einen Anfang im Schreiben gemacht haben... (AA 1949)
Die Termine betreffen die Sitzungen der Gemeinde-Versammlung: Amtmann, Bürgermeister oder Gemeinde-Vorsteher, Gemeinde-Verordnete / Gemeinde-Vertreter; deren Namen sind hier kaum genannt; TOP : Tagesordnungspunkt. Diese Namen stehen im Kapitel: „Protokoll-Bücher der Gemeinde-Versammlung“.
Beim konkreten Alltagsleben wird eine Apotheke notwendig!
Am 16.1.1845 antwortet aufgrund der Anfrage des Landrats an den Amtmann: „Jugendliche Arbeiter werden in Freienohl und Hellefeld auf Fabriken nicht beschäftigt.“ Ausdrücklich auch nicht: 1852, 1854, 1859, 1863, 1865, 1967, 1868, 1869, 1871 (nicht aktenkundig sind die nicht genannten Jahre).
Eine Zwischen-Notiz: Im Februar 1851 ist Koffler Kreis-Sekretär beim Landrat in Arnsberg, später wird er Amtmann in Freienohl.
Eine Notiz vom 8. Januar 1873: vier jugendliche Arbeiter mit ihren Geburtsjahrgängen, freilich ohne Angabe des Arbeitgebers, wahrscheinlich „Zellulose-Fabrik Wildshausen“: Ferdinand Gahse, 1858; Kaspar Pottschule , 1857; Heinrich Schröder, 1857; Kaspar Kaulmann, 1858.
Am 17. März 1896 werden diese Jugendlichen aus Freienohl in der „Zellulose-Fabrik Wildshausen“ genannt: Wilhelm Kampmann, geb. 28.4.1881; Joseph Höhmann, geb. 15.12.1880; Ida Siepe, geb. 29.10.1881.
Diese Arbeitszeiten und Pausen werden genannt:
„Für junge Burschen von 14 bis 16 Jahren“: jeweils Beginn und Ende: Arbeitszeit: 6.00 – 6.00 (18.00) Uhr; Vormittagspause: 9.00 – 9.30 Uhr; Mittagspause: 12.00. - 1.00 (13.00) Uhr; Nachmittagspause: 3.30 – 4.00 (15.30 – 16.00) Uhr.
„Für junge Mädchen von 14 bis 16 Jahren“: Arbeitszeit (in damaliger Schreibweise): von 6.00. - 6.00 Uhr; a) an Wochentagen außer Sonnabend: 6.00 – 6.00 Uhr; b) an den Vorabenden der Sonn- und Festtage: 6.00 – 5.30 Uhr; Vormittagspause: 9.00 – 9.30 Uhr; Mittagspause: 12.00 – 1.00 Uhr; Nachmittagspause: 3.30 – 4.00 Uhr; so an Wochentagen außer Sonnabend und an Vorabenden der Sonn- und Festtage.
Auch die erwachsenen Männer benötigen eine Apotheke, wobei sie und die Kinder wissen: besonders die Mütter benötigen eine Apotheke:
Aus dem „Bürgermeisterbezirk Freienohl“ gibt es vom 27.2.1856 (erste Zahl) und vom 27.2.1857 (zweite Zahl) diese Berufsangaben:
Einwohner: 1094 / 1105. Müller: 1 / 1; Bäcker: 2 / 5; Gerber: 2 / 2; Schuh- und Pantoffel-Macher: 13 / 13; Schneider: 13 / 10; Tischler, Stuhlmacher: 10 / 10; Räder-, Stellmacher: 2 / 2; Grob- und Kleinschmiede jeder Art: 6 / 6; Tapezierer: 1 / 1; Weber und Wirkerer jeder Art: 9 / 9; Schlosser: 1 / 1; Färber: 1 / 1; Fleischer; 1 / 1; Drechsler aller Art: 16 / 12; Korbflechter: 2 / 2.
Am 30. April 1857 gibt der Freienohler „Amtverweser“ eine Bekanntmachung heraus „den Betrieb der Bauhandwerker betreffend“ mit den entsprechenden gesetzlichen Verordnungen: „Es ist seither in dem diesseitigen Verwaltungsbezirk wiederholt vorgekommen, dass Eingesessene Neubauten, Anbauten, Hausreparaturen an ihren Gebäuden, sowie Verlegung alter und Errichtung neuer Feuerstellen vorgenommen, ohne die dazu erforderliche polizeiliche Erlaubnis eingereicht zu haben. Ebenso hat sich ereignet, dass diese Bauten durch nicht als selbstständig anerkannte und geprüfte Meister, sondern durch bloße Fabrikarbeiter ausgeführt sind.“
Ende 1861, aufgrund der Aktenlage, steht diese Berufe-Liste: Meister = erste Zahl, Geselle = zweite Zahl, Lehrling = dritte Zahl:
Müller: 7 / 2 / -; Bäcker: 13 / - / -; Fleischer: 5 / - / 4; Gerber aller Art: 6 / - / -; Schuh- und Pantoffelmacher: 37 / 2 / 3; Weber und Wirker aller Art: 19 / 2 / -; Schneider: 26 / 6 / 3; Tischler und Stuhlmacher: 23 / 3 / 2; Rad- und Stellmacher: 12 / - / -; Drechsler aller Art: 29 / - / 3; Korbflechter: 5 / - / -; Grob- und Kleinschmiede aller Art: 15 / 2/ -; Kürschner: 1 / - / -; Schlosser: 4 / - / -; Färber; 3 / - / 1. - (AA 1894)
Beschäftigung jugendlicher Arbeiter auf der Holzschleiferei von der Becke und Klagges in Wildshausen:
Am 27. Februar 1879 nennt das Werk Wildshausen dem Freienohler Amtmann Keiser die Namen der „jugendlichen Arbeiter“; aus Freienohl nur: Heinrich Klute.
Im „Verzeichnis der Leute in der Holzschleiferei Wildshausen“ aus Freienohl, - ohne Lebensalter, wegen der Akten-Einordnung: Jugendliche und vor 1891: Johann Mester, Johann Köster, Franz Kaulmann, Caspar Weber, Theodor Kohsmann, Fritz Neise, Fritz Karneil, Franz Klute, Joseph Ortmann, Heinrich Schröder, Fritz Klute (also 11, dazu noch 10 aus Glösingen und Wildshausen).
Von 1892 bis 1996 liegen von diesem Werk Verzeichnisse vor mit diesen jugendlichen Arbeitern aus Freienohl mit ihren Geburtsdaten:
1892: Karl Neise geb. 9.4.1877; Elisabeth Siepe geb.23.12.1875; Maria Eickhoff geb. 25.12.1876.
1893: Karl Neise; Franz Eickhoff geb. 5.1.1879; Franziska Kohsmann geb. 2.4.1878.
1894: Franz Eickhoff; Dina Beckmann geb. 22.8.1878; Gertrud Altenwerth geb. 17.3.1879.
1895: Franz Geissler geb. 19.10.1879; Wilhelm Bruder geb. 4.9.1879; Heinrich Rocholl geb. 22.1.1881; Wilhelm Kampmann geb. 28.5.1881.
1896: Wilhelm Kampmann; Josef Höhmann geb. 15.12.1880; Josef Zacharias geb. 16.3.1882; Ida Siepe geb. 29.10.1881.
1897: Bernhard Folle geb. 25.7.1882; Ida Siepe; Maria Lichte geb. 15.8.1882.
Weitere Verzeichnisse befinden sich nicht in dieser Akte AA 1895.
Über die Beschäftigung weiblicher jugendlicher Arbeiter und Kinder ab 1897 sind unterschiedliche Texte gesammelt in der Akte AA 1966.
Hier geht es vor allem um die „Arbeitsbücher“ Jugendlicher und noch nicht oder gerade zulässig gewordener Jugendlicher innerhalb der Jahre 1902 bis – für diese Gesamt-Textfassung – 1914. Manchmal geht es um Eintrage-Berichtigungen, manchmal um verlorene und neu auszustellende Arbeitsbücher. Insgesamt liegen 80 Briefe, Anschreiben, Notizen vor. Die machen deutlich, dass in jenen Jahren schon manche junge Leute auswärts ihre berufliche Arbeit erlernt haben, erlernen mussten – auch – wegen zu armer häuslicher Verhältnisse. Einige Informationen hinterlassen auch einen sorgenvollen Eindruck. Zum Beispiel dieser Brief an den Amtmann: „Mein Sohn N.N. (Name hier ausgelassen),dem ich hier das Anstreicherhandwerk habe erlernen lassen und der 17 Jahre alt ist, hat sich ohne mein Wissen und gegen meinen Willen zu dem Anstreicher-Meister N.N. In Neheim in Stellung begeben. Ich bitte, veranlassen zu wollen, dass dem N.N. Das Arbeitsbuch meines Sohns entzogen wird, worauf letzterer dann von selbst entlassen werden muss. Meinem guten Sohn bitte ich durch die Polizeiverwaltung in Neheim aufgeben zu lassen, zu mir hierher zurück zu kehren.“
Es liegen auch Anträge und Erkundigungen vor von auswärts an die Freienohler Behörde, z.B. aus Breslau.
Vom 23. Februar 1902 eine Amtsinformation: „Schulpflichtige Kinder dürfen in Betrieben nur in den Schulferien und nur ganz ausnahmsweise beschäftigt werden.“
Auswärtige Arbeitsorte sind aktenkundig: Hagen, Dortmund, Weißstein / Liegnitz, Eversberg, Fürstenberg / Büren, Warstein, Essen / Ruhr, Gelsenkirchen, Allendorf, Menden, Endorf, Grevenstein, Neheim, Hüsten, Bigge, Sundern, Rotthausen, Wickede, Werl, Bielefeld, Schmallenberg, Düsseldorf, Elberfeld, Niedermarsberg, Eslohe, Beckum, Warburg, Bochum. - Ein Leser dieser Auflistung machte diese Bemerkung: Freienohler junge Leute haben doch etwas Weltoffenes in sich!
Am 17. Oktober 1911 schreibt die Geschäftsleitung der Zellstoff-Fabrik Wildshausen (früher Zellulose-Fabrik genannt) an das Amt Freienohl. Ohne das Hauptwort dieses Kapitels: Apotheke. Aber ein solches Alltagsleben zeigt wortlos die Notwendigkeit einer inzwischen schon vorhandenen Apotheke. Der Brief sei vollständig zitiert:
„Die außergewöhnliche Trockenheit dieses Sommers, die uns schon anfangs Juni nötigte, unsere Schleiferei außer Betrieb zu setzen und unsere Dampfreserve heranzuziehen, um den Betrieb unserer Cellulose-Fabrik, wenn auch mit gewisser Einschränkung aufrecht zu erhalten, hält leider noch immer an. Die Verhältnisse haben sich nur vorübergehend durch eingetretene Regenfälle etwas gebessert, sind aber heute wieder derartig schlecht, dass wir kaum wissen, wie wir zurecht kommen sollen. Unsere Dampfkraft reicht nicht aus, um den Kraftbedarf am Tage zu befriedigen und müssen wir deshalb, um nicht zu Arbeits-Entlassungen schreiten zu müssen, den Kraftbedarf etwas verteilen, dergestalt, dass wir den Tagbetrieb etwas entlasten. Dies zwingt uns dazu, einen Teil derjenigen Arbeiten, die wir sonst laufend am Tage verrichten, auf die Nachtschicht zu verlegen und zwar haben wir hierzu, was sich am besten einrichten lässt, unsere Holz-Hackerei und Holz-Sortierung gewählt. Wir bitten deshalb, genehmigen zu wollen, dass wir einen Teil der in der Holz-Sortierung beschäftigten jüngeren Arbeiter vorübergehend des Nachts beschäftigen und zwar wollen wir es einzurichten suchen, durch entsprechende Auswechselung von Arbeitern aus der Schleiferei die Sortier-Jungen unter 16 Jahren möglichst für den Nachtbetrieb auszuscheiden. Wir haben zunächst, um einerseits in den Schulbesuch derjenigen jugendlichen Arbeiter, die die Fortbildungsschule Freienohl besuchen, nicht einzugreifen, für die nächsten 14 Tage eine Nachtschicht der in Dinschede, Glösingen und Oeventrop ansässigen jüngeren Arbeiter ins Auge gefasst, müssten aber, falls die Trockenheit noch länger andauern sollte, eventuell um Dispens der jüngeren Arbeiter von Freienohl vom Fortbildungsschulunterricht bitten, bis die jetzigen Kalamitäten der Trockenheit überwunden sind. Wir zweifeln nicht, dass Sie (der Amtmann) in Berücksichtigung unserer gegenwärtigen Notlage, unserem diesbezüglichen Ersuchen stattgeben, wobei wir bemerken, dass wir nur notgedrungen diesen Ausweg vornehmen, weil an sich die Sortierung beim Nachtbetrieb wegen des nicht zur Verfügung stehenden Tageslichtes ohnehin eine unvollkommene ist, uns im Übrigen aber auch nur größere Kosten erwachsen, veranlasst durch doppeltes Aufsichtspersonal, Beleuchtung der betreffenden Räume etc. - Wir empfehlen uns Ihnen – Hochachtungsvoll...“ (AA 1966)
Leider ist hier das Ergebnis des Amtmanns und der Gemeindevertretung nicht aktenkundig.
Die Ruhr-Epidemie 1857 - 1858 in Freienohl und: eine Apotheke ist notwendig
Viele Informationen sind in der Akte AA 1789 zusammengetragen.
Die längeren Zeitungsartikel im „Central Volksblatt“ in Arnsberg vom 26. August 1857 und „Arnsberg Kreisblatt“ vom 12. September 1857 übertreiben nicht. Sehr lebensnah ist der kurze Zeitungs-Bericht aus Dinschede vom 3. September 1857: „Die Ruhrkrankheit greift in der verheerendsten Weise täglich mehr um sich. Auf der zur Gemeinde Dinschede gehörenden Ortschaft Lattenberg hat sich dieselbe innerhalb einiger Tage mit solcher Wut verbreitet, dass dort nicht einmal mehr so viele Gesunde sind, als die Krankenpflege bedürfte. In der Gemeinde Dinschede kommen täglich durchschnittlich 10 bis 11 Sterbefälle vor. Die beiden geräumigen Lehrsäle des hiesigen noch neuen Schulhauses sind zum Kranken-, die nebenstehende Scheune des Lehrers zum Leichen-Hause eingerichtet. Der Lehrer, welcher sich aus Sanitätsrücksichten mit seiner Familie von Dinschede entfernt hat, räumte seine Dienstwohnung mit Inventar den Barmherzigen Schwestern zur Klausur bereitwillig ein. Überhaupt geschieht hier wie in den benachbarten von der Ruhr so sehr schwer heimgesuchten Ortschaften alles, was Wohltätigkeit unter Leitung der Wissenschaft zur Steuerung des über alle Vorstellung herrschenden Elendes vermag, ohne jedoch das allgemein ersehnte Ende des Letzteren sich nähern zu sehen.“
Für Freienohl hat der Amtmann Boese mit dem 14. August 1857 eine erste Übersicht mit Namen der Erkrankten vorgelegt; hier nicht übernommen. Aber seine Übersicht vom 7. September 1857. Dazu: Name des/der Erkrankten + sein/ihr Vater, Lebensalter (LA); ausgelassen sind die Spalten: Stand, Gewerbe, weil zu wenig notiert; Wohnort, weil alle Freienohl, Religion, Tag der Erkrankung, weil nicht überall genau zu lesen. N. = Name nicht genannt; (?) = nicht genau zu lesen. Reihenfolge der Krankmeldung: Zeilen von links nach rechts. Nach Zeile 19 ist der Vater nicht mehr eingetragen.
Name
Vater LA Name
Vater LA Name
Vater LA
Fritz Korte,
Heinrich Korte 5 Christina Klute,
Heinrich Klute 4 Christina Korte,
Johann Korte 3
Ehefrau Christina von
Johann Korte 39 Anton Lichte,
Johann Lichte 12 Heinrich Lichte,
Johann Lichte 7
Ferdinand Stirnberg,
Johann Stirnberg 16 Johann Lenze-Oels,
Caspar Lenze-Oels 24 Franziska Spieler,
Anton Spieler 8
Johann Jürgens 37 Ruth Friederica Bracht,
Theodor Bracht 7 Ludwig Feldmann 46
Tochter Feldmann,
Ludwig Feldmann - Anton Espenloer,
Caspar Espenloer 7 Ferdinand Hirnstein 51
Fritz Göckeler,
Franz Göckeler 9 Arnold Stirnberg,
verst. Ferdinand St. 16 Ludwig Feldmann,
Ludwig Feldmann 15
Tochter Feldmann,
Ludwig Feldmann - Franz Stirnberg,
Johann Stirnberg 11 Lisette Stirnberg,
Johann Stirnberg 5
Johann Lichte,
Johann Lichte 16 Franz Trumpetter 18 Franz Feldmann,
Adolf Feldmann 12
Franz Weber,
Franz Weber 9 Marianne Rocholl,
Johann Rocholl 23 Franziska Köster,
Ferdinand Köster 8
Christina Köster,
Ferdinand Köster 2 Gertrud Mester,
Franz Mester 15 Elisabeth Mester,
Franz Mester 12
Anton Kehsler,
Witwe Anton Kehsler 13 Dorothea Klute,
Heinrich Klute 7 Johann Göckeler,
Franz Göckeler 7
Franz Toenne 54 Dorothea Toenne,
Franz Toenne 14 Amalia Hirschberger,
S.W. Hirschberger 4
Franz Helnerus,
Joseph Helnerus 8 Lisette Helnerus,
Joseph Helnerus 2 Franz Köster,
Caspar Köster 2
Heinrich Rocholl,
Johann Rocholl 11 Mathilde Weber,
Heinrich Weber 14 Ehefrau Christina von
Heinrich Grewe 26
Friederika Funke,
Joseph Funke 16 Juliana Funke,
Joseph Funke 6 M. Caspar Neise 52
Katharina Lichte,
Johann Lichte 9 N? Korte,
Heinrich Korte 4 Ehefrau Witwe Korte -
Wilhelm Lichte,
August Lichte 6 Jannes Lichte,
August Lichte 4 Carl Lichte,
August Lichte 3
Johann Humpert, 31 Heinrich Montag 65 Franz Schwarzfärber,
Franz Schwarzfärber 14
Caspar Schroer 36 Ehefrau Franz Trumpetter 32 Adolphine Albers 14
Franz Kohsmann 8 Lisette Heinemann 8,6 Fritz Schirp 10
Maria (?) Schroeder 7 Fritz Kohsmann 21 Johann Albers 18
Franz Feldmann 5 N. Spieler; Engelb.Sp. 7 Franz Hesse 47
Lisette Herbst 8 Johann Pöttgen 1ß Anton Hömberg 20
Franz Hömberg 18 Ehefr. Kathar. Mester 55 Anton Jürgens 6
Marianne Kihsler 17 Heinrich Flinkerbusch 24 Caspar Düring -
Maria Becker 5 Gertrud Becker 6 Bernard Schroeder 6
Kaspar Leineweber 12 Franz Leineweber 34 Ehefrau N. Noeke 70
Katharina Noeke 18 Gertrud Trompetter 16 Franz Molitor 4
Ludwig (?) Feldmann 7 Ehefrau A. Korte 54 Witwe F. Stirnberg 55
Christ. (?) Hirnstein 11 F.W. Kerstholt 38 Heinrich Peetz -
Ehefr. Kasp. Schwefer - Franz Stirnberg 26 Anton Becker 6 M
Gustav Helnerus 11 F.C. Kerstholt - Antonette Bause -
Ehefrau Anton Köster 47 Christina Köster 3 M Franz Köster 5
Kaspar Köster 8 Friedrich Köster 14 Fritz Schwefer 20
Maria Schwefer 5 Elisabeth Düring 28 Ferdinand Funke 50
N. Köster; F. Köster 4 Elisabeth Linnhoff 18 Johann Schnapp 31
Joseph Schnapp 19 Franziska Schnapp 9 Lorenz Kaulmann 15
Ehefr. Franz Kaulmann 57 Witwe Fer. Heinemann 52 Bendix Ransenberg 50
Elisabeth Schwefer 4 Karl (?) Kordel 15 Ehefrau N. Kohsmann 34
Luise Korte 2 N. Hahne 4 N. Beckmann 8
N. Kerstholt 6 M Heinrich Flinkerbusch 24 Maria (?) Lenze 13
Nicht nur die Apotheke ist notwendig.
Der Freienohler Pfarrer Brand ist krank. Bei dieser Seuche Ruhr-Epidemie ist auch Seelsorge nötig, nicht nur für die Beerdigungen.
Am 8. September 1857 antwortet aus Paderborn der bischöfliche Generalvikar Wasmuth dem Freienohler Amtsverweser Assessor Boese auf dessen Bitte diesen Brief: „... dass ich, da andere geübtere Geistliche nicht disponibel sind, den Seminarpriester (gerade geweiht) zu Brilon schon gestern angewiesen habe, sich sofort nach Freienohl zu begeben und während der Krankheit des Herren Pfarrers Brand die Seelsorge wahrzunehmen. Da es möglich ist, dass der gedachte Seminarpriester , welcher wie alle übrigen Seminarpriester in die Ferien entlassen sind, sich augenblicklich in Brilon nicht aufhält, und sich deshalb seine Ankunft in Freienohl etwas verzögern kann, so habe ich zugleich den Herrn Landdechanten Schlüter in Hüsten beauftragt, denjenigen Geistlichen im Dekanat, welcher am ehesten abkommen kann, anzuweisen, bis zur Ankunft des Hogrebe den Seelsorgedienst in Freienohl zu versehen.... (Vergütung, Reisekosten) ...nichts Unbilliges (Ungerechtes) erwarten, unter so traurigen Verhältnissen, als die sind, in welcher die Gemeinde Freienohl sich befindet...“
Vom 9. Februar 1858 ist das Verzeichnis sämtlicher an der Ruhr-Epidemie im Amt Freienohl im vorigen Jahr erkrankten, gestorbenen und wieder genesenen Personen.
Name der Gemeinde Anzahl
Ruhr
Erkrankter Davon
ver-
storb. Wieder
gene-
sen Name der
Gemeinde Anz.
Ruhr
Erkr. Davon
ver-
storb. Wieder
gene-
sen
Freienohl 164 44 120 Linnepe 36 10 26
Altenhellefeld 34 3 31 Meinkenbracht 79 19 60
Breitenbruch 58 18 40 Rumbeck 90 24 66
Dinschede 354 87 277 Uentrop 54 5 49
Grevenstein 164 20 144 Visbeck 22 2 20
Hellefeld 89 13 76 Westenfeld 87 19 78
Herblinghausen 25 4 21 Summe 1276 268 1008
Am 26. Februar 1858 liegt vom Apotheker D. Hanterre, Arnsberg, an die „Bürgermeisterei Freienohl“ Herrn Boese ein Verzeichnis vor über die verschickten Medikamente; 3 ½ Seiten, an die adressierten Gemeinden im Amt Freienohl, mit Bezeichnungen und Kosten. Hier ausgelassen.
Vom März 1858 ist ein Verzeichnis aktenkundig von Seiten der Arnsberger Ärzte Dr. Liese, Dr. Freusberg und Dr. Schörster, die die Ruhr-Erkrankten behandelt haben mit den Gemeinde-Namen und Erkrankten-Namen. - Hier ausgelassen.
Vom März 1858 liegen die Rechnungen vor vom Arnsberger Apotheker Em. Eduard Müller.
Ende der Akte AA 1789.
Die Typhus-Epidemie 1882 – 1883: noch immer fehlt eine Apotheke!
Die Gemeinde-Leitung: Amtmann Gustav Enser (1882 - 1895), Gemeinde-Vorsteher Ziegelei-Besitzer Johann Düring, ab Juni 1882 Postexpediteur Caspar Toenne, Gemeinde-Verordnete Schreinermeister Carl Feldmann, Heinrich Albers, Maurermeister Franz Göckeler, Wirt Franz Kerstholt, Zimmerermeister Franz Korte, Schneidermeister Arnold Schröder.
Spezial-Akte AA 1794.
Am 28. Februar 1882 schreibt Amtmann Enser an Dr. Frhr. v. Schleinitz: „Der Gymnasiast Kerstholt, Sohn des Wirts Joseph Kerstholt, hierselbst, der vor mehreren Tagen von dort Arnsberg, Gymnasium Laurentianum?) hierher gekommen ist, soll dem Vernehmen nach an Typhus erkrankt sein. Euer Hochwohlgeboren ersuche ich deshalb ergebenst, sich am morgenden (!) Tag nach hier zu bemühen, und die ganze Familie Kerstholt einer genauen ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Über das Resultat bitte ich, mir sodann umgehend Mitteilung zu machen...“
Am 7. März 1882 berichtet der Amtmann, dass eine Sanitäts-Commission gegründet worden ist: Amtmann Enser, Gem.-Vorsteher Johann Düring, Gem.Verordnete Carl Feldmann und Heinrich Albers: „Dieselbe wird mit unbeschränkter Vollmacht versehen und ihr wird ein Bondit (Guthaben) von 200 Mark bewilligt... So erscheint es doch angezeigt, außerordentliche Maßnahmen zu treffen, um die Krankheit bereits im Entstehen zu unterbinden.“
Eigenartig die Akten-Lücke.
Am 11. September 1882 sind als Typhus-Erkrankte beim Amtmann aktenkundig diese 6 Kinder:
Franz Schwefer, 16 Jahre, Vater Tagelöhner, zahlreiche Familie, dürftige Verhältnisse, Krumme Straße-
Theresia Eickelmann, 6 Jahre, Vater Fabrikarbeiter auf der Chemischen Fabrik in Oeventrop, mittelmäßige Verhältnisse, Mittlere Straße.
Adolf Linke, 11 Jahre, Vater Küfer, sehr dürftige Verhältnisse, Krumme Straße.
Auguste Mester, 19 Jahre, Vater Tagelöhner, mittelmäßige Verhältnisse, Mittlere Straße.
Nicolaus Schmitz, 9 Jahre, Vater Maurer, sehr ärmliche Verhältnisse, Krumme Straße.
Bernward Heckmann, 19 Jahre, Vater tot, Stiefvater Ackerer, ziemlich gute Verhältnisse, Mittlere Straße.
Auch am 11. September 1882: Die Sanitäts-Commission besichtigt heute mit dem Amtmann die Düngergruben, Abtrittsanlagen (Toiletten), Brunnen und Abzugsverhältnisse (Abflussgräben) des hiesigen Orts und es wurde beschlossen, dass sämtliche Besitzer aufgefodert werden sollen, ihre Dünger- und Abtritts-Anlagen binnen 14 Tagen zu reinigen, zu desinfizieren, Wassertrift (Abfluss in den Gräben) herzustellen und die Düngergruben mit einer Mauer von mindestens 1 Fuß Höhe anzufertigen, ferner soll festgestellt werden, wo jeder Hauseigentümer seinen Bedarf an Frisch- und Koch-Wasser hernimmt.
Am 12. September 1882 folgt die Liste mit den Namen der Besitzer einer Düngergrube oder Abtrittsanlage und „von wem erhält derselbe sein Trinkwasser“. In der Spalte rechts steht: „selbst“ oder Name des „Spenders“ oder „Gemeinde-Brunnen“; 174 Namen „links“ und 41 Namen „rechts“. Die Abschrift ist hier ausgelassen.
Wahrscheinlich nach dem 22. Oktober 1882: „Nachweisung der Typhus-Krankheit in der Gemeinde Freienohl: Name, Lebensalter, Familie / Vater, Verhältnisse, Wohnung; hinter allen steht das Datum und „genesen“ (letzteres hier ausgelassen): Die ersten 6 Namen siehe oben 11. September 1882, dann Fortsetzung:
...(?)...Köster, 12 Jahre, Vater Tagelöhner, mittelmäßige Verhältnisse, Krumme Straße.
Theodor Nolte, 12 Jahre, Vater Tagelöhner, mittelmäßige Verhältnisse, Krumme Straße.
Elisabeth Helnerus, 3 Jahre, Vater Tagelöhner, ärmliche Verhältnisse, Mittlere Straße.
Joseph Siepe, 16 Jahre, Vater verstorben, Mutter Tagelöhnerin, sehr ärmliche Verhältnisse, Vordere Straße (Bergstraße).
Gertrud Schmitte, ohne Angaben.
Adam Schmitz, ohne Angaben. - In den „Volkszählungslisten“ fehlen die Kinder-Namen.
Am 25. September 1882: Aus dem Schreiben an den Landrat von Lilien in Arnsberg:
„Die anwesenden Ärzte Dr. Droste und Dr. Schleinitz bestätigen dem Amtmann Enser und dem Ortsvorsteher Düring die Krankheit Typhus. - Die Reinigung der Gräben und Gossen (Straßen, ursprünglich: Gassen) ist ausgeführt, die Untersuchung der Düngerstätten, Einfriedigung derselben durch dichte Mauern. Zur Verhütung des Abflusses auf die Straßen, die Untersuchung der öffentlichen Brunnen. - Die Wasserverhältnisse von Freienohl sind bekanntlich durch den Eisenbahn-Tunnelbau sehr beträchtlich. Gegenwärtig ist Hochstand des Wassers in den Brunnen, weder Mangel noch Versumpfung vorhanden. So muss dennoch ein aufmerksames Auge auf diesen Punkt zu richten sein und voraussichtlich wird die Lösung der Wasserversorgung für den Ort Freienohl für die Zukunft in den Vordergrund treten.“ - Gezeichnet vom Kreis-Physikus Dr. Liese, Arnsberg.
Am 16. Oktober 1882 erhält die Barmherzige Schwester Maria Isidora 15 Mark für Reisekosten vom Ortsvorsteher Caspar Toenne. Diese Ordensschwester gehörte wahrscheinlich zu den Clemens-Schwestern aus dem Arnsberger Marien-Hospital, das damals von den Clemens-Schwestern aus Münster geleitet wurde. (Aufgrund einer Nachfrage 2012 bei der Ordensleitung in Münster gibt es von dieser Schwester keine Unterlagen; ihre Namens-Nachfolgerin kann gewesen sein: Sr. M. Isidora: Thekla Pohlmann, geb. 16.04.1866 in Vrees b. Werlte, eingetreten am 17.09.1893, gest. am 11.02.1940.)
Am 30. Oktober 1882 erhält C. Toenne aus der Gemeinde-Kasse: 1.) 73,68 Mark für die Beköstigung der Barmherzigen Schwester Maria Isidora; 2.) für Suppen-Lieferung, zur Bereitung der Kranken-Suppe mit 86,60 Pfund Rindfleisch von Teipel zu Arnsberg mit dem Betrag 51,60 Mark; die kranken Kinder (s.o.) werden genannt, auch wie viel und wie oft sie Suppe erhalten; Zeitraum: vom 13. September bis 12. Oktober 1882. - Die Kranken-Suppe mit Rindfleisch ist wohl nicht nur im Geschmack recht kräftig und kräftigend gewesen.
Am 20. April 1883: Aus einer Information vom Amtmann Enser an den Landrat in Arnsberg: Weil das Pastorat zur Zeit unbenutzt war, waren die Typhus-Kranken und wohl auch die Barmherzige Schwester Maria Isidora im Pastorat untergebracht. - Pfarrer Johann Heinrich Adams war am 11. August 1881 gestorben. Pfarrer Julius Falter kam im September 1884 nach Freienohl, zunächst als Hilfsseelsorger. Zwischendurch übernahm die Vertretung für Gottesdienste und Seelsorge (Sakramenten-Spendung, Beerdigungen, Religionsunterricht) aus Rumbeck Pfarrer Berens.
Ende Akte AA 1794.
Am 18. August 1884 TOP 2: Mit der Errichtung einer Orts-Krankenkasse ist der Gemeinde-Rat einverstanden. - AA 407
Daten-Anschluss mit Akte AA 1738:
Ausdrücklich wieder zur notwendigen Apotheke
Am 29. April 1886 hat der – inzwischen neue - Freienohler Gemeinde-Vorsteher und zugleich Vorsteher der Ortskrankenkasse Caspar Kehsler beim Landrat in Arnsberg die Concession einer Apotheke wieder beantragt.
Am 23. Juni 1886 antwortet die Königliche Regierung Abteilung des Innern: „...eröffnen wir Ihnen aufgrund der angestellten Ermittlungen, dass wir nicht in der Lage sind, die Errichtung einer Filial-Apotheke in Freienohl höheren Orts (gemeint ist die Ober-Präsidial-Regierung in Münster) zu befürworten, weil ein Bedürfnis hierzu in keiner Weise anzuerkennen ist und die Existenz der Apotheke in Arnsberg und Eslohe durch die Errichtung der fraglichen (positiv zu gewichten: in Frage kommenden) Filial-Apotheke gefährdet werden könnte.“ - Eine Abschrift geht auch an den Freienohler Amtmann Enser.
Kein Wort von einer Apotheke, aber Cholera?
Am 16. August 1892 TOP 1: Im Fall die Cholera in hiesiger Gemeinde zum Ausbruch kommen sollte, soll das hiesige freiliegende Schützen-Zelt zur Aufnahme der Cholera-Kranken verwendet werden, vorausgesetzt, dass die Schützengesellschaft ihre Einwilligung dazu erteilt. Verneinendenfalls (!) verpflichten wir (Gemeinde-Vertretung) uns, eventuell auch den freien Platz neben dem Schützen-Zelt binnen 24 Stunden eine Cholera-Baracke auf Gemeinde-Kosten zu errichten. - 100-prozentige Karbol-Säure ist noch in genügender Menge vorhanden. - Wohl nochmal gutgegangen, nichts mehr aktenkundig; AA 411.
Die einleitend oben zitierten drei Tabellen gehören Text geschichtlich hierher. Sie dienten oben und anfangs der thematischen Motivation, Einfühlung.
Erst am 15. Februar 1894 ist das nächste Schreiben des Regierungspräsidenten, Arnsberg, aktenkundig; auszugsweise: „...nach Anhörung des Kreisphysikus“ bittet er um eine „Beifügung einer die örtliche Lage von Freienohl nebst Umgegend veranschaulichenden Handzeichnung... Aus der Zeichnung müssen die Verkehrswege zwischen Freienohl einerseits und den Ortschaften Arnsberg, Eslohe, Meschede und Warstein andererseits, sowie durch die Entfernungen dieser Ortschaften von Freienohl zu ersehen sein. Außerdem sind die auf die Apotheke in Freienohl angewiesenen Ortschaften, wie Oeventrop, Wennemen, Olpe u.a. in der Zeichnung anzudeuten. Über das Arzneibedürfnis in den in Betracht kommenden Ortschaften, ihre Einwohnerzahl, Leistungsfähigkeit und wirtschaftlichen Verhältnisse sehe ich einer tunlichst eingehenden Äußerung entgegen.“ Angesprochen werden noch - hier in Stichworten: „Bestandfähigkeit einer selbstständigen Apotheke … Filial-Apotheke … Führung einer Haus-Apotheke durch den Arzt...“
Dieses Schreiben ging an den Landrat Freusberg zur Weiterleitung nach Freienohl. Zur Abschrift gehört die Kurz-Information an den Freienohler Amtmann Enser, unterschrieben: „Der Landrat i.V. gez. Koffler, Kreissekretär“ - Eigenartig: Kreissekretär Koffler müsste eigentlich alles Angefragte bestens wissen: Er war vorher in Freienohl Amtmann; aber vielleicht weiß er, dass seine Vorgesetzten „alles schriftlich haben müssen bzw. wollen“.
Am 8. März 1894 antwortet Amtmann Enser dem Landrat Freusberg in Arnsberg auf 6 ½ Seiten (zeitüblich halbseitig auf DIN A 4; für Notizen des Adressaten auf der linken Hälfte).Hier auszugsweise das, was die Freienohler Situation deutlich macht:
Die Liste mit den Ortschaften im Amt Freienohl und aus dem Amt Meschede, die für die Apotheke in Freienohl „in Betracht kommen“: siehe oben die „Dritte Tabelle“; freilich nur für das Jahr 1894 (jene Tabelle konnte aus anderen Übersichten ergänzt werden). „Diese Ortschaften sind sämtliche durch gute chaussierte (Chaussee, im Sinn damaliger Verhältnisse fuhrwerksgerecht) Straßen mit Freienohl verbunden, während die Ortschaften des Kirchspiels Hellefeld mit der Stadt Arnsberg nur durch Waldwege (-wege!) verbunden sind, die den größten Teil des Jahres nicht passiert werden können. Auch die Entfernungen nach Arnsberg sind weiter wie nach Freienohl... Aus dem Amt Freienohl gibt es 1893 von den 3 Krankenkassen 658 Kassenmitglieder... Das Bedürfnis zur Errichtung einer Filial-Apotheke in Freienohl muss ich als recht dringend bezeichnen, da die Versäumniskosten und Reisekosten, welche durch das Herbeischaffen der Arzneien aus den entfernteren Apotheken in Arnsberg, Eslohe und Meschede mehr betragen wie die Arznei selbst... Was die Leistungsfähigkeit der Bewohner der in Betracht kommenden Ortschaften betrifft, ... so der jetzige Arzt Dr. Bödefeld, dass das Arzt-Honorar stets prompt bezahlt wird... Die Gemeinde Freienohl und die Krankenkassen-Vorstände haben schon seit Jahren mit den benachbarten Apotheken wegen Errichtung einer Filial-Apotheke hierselbst unterhandelt und (es) haben die beiden Arnsberger Apotheken die Errichtung abgelehnt, einmal, weil durch die Filiale in Freienohl die beiden Apotheken in Arnsberg nicht existenzfähig bleiben würden, und das andere Mal, weil die Bewohner der in Betracht kommenden Gemeinden zu 90 % die Medikamente nicht bezahlen. Diesen Ablehnungsgründen widerspreche ich schnurstracks (!)... (Zwischenbemerkung: der erwähnte Schriftverkehr zwischen Freienohl und den Arnsberger Apotheken ist in dieser Textfassung - von HP – völlig ausgelassen.)... Während meiner 12-jährigen Amtstätigkeit hierselbst muss ich aus eigener Wissenschaft (nach eigenem Wissen) constatieren, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse namentlich durch den Erweiterungsbau der Fabriken... und durch die Anlage einer Eisenbahnhaltestelle hierselbst mit Güterverkehr bedeutend gebessert haben... Die Bevölkerung nimmt in Freienohl und Dinschede (heutzutage würde man sagen: Oeventrop) von Jahr zu Jahr zu... Eine Eingabe des Pfarrers Falter erlaube ich mir beizufügen.“ - Deren Text ist nicht aktenkundig.
Am 5. September 1894: Der Oberpräsident der Provinz Westfalen in Münster an den Landrat in Arnsberg, mit einer Abschrift an Pfarrer Falter, an Dr. Bödefeld und den Freienohler Amtmann. Hier auszugsweise; der Minister schreibt: „... dass daselbst (in Freienohl) eine selbstständige Apotheke nicht bestehen kann..., weil die dafür in Frage kommenden Apothekenbesitzer (in Arnsberg?) sich entweder ablehnend verhalten oder Bedingungen gestellt haben, auf welche nicht eingegangen werden konnte... Dem Arzt Dr. Bödefeld wird die Genehmigung zum Halten einer Haus-Apotheke erteilt...“
Am 12. Oktober 1894 notiert Amtmann Enser an den Rand seines Briefes (Abschrift) an Dr. Bödefeld: „Dr. Bödefeld will keine Haus-Apotheke einrichten; daher zu den Akten.“
AA 1738 bis oben 29.4.1886.
Folgend: AA 413:
Am 31. Januar 1901: Protokolle der Gemeinde-Versammlung = Gemeinde-Vertretung: Amtmann Göpfert, Gemeinde-Vorsteher Caspar Kehsler, Gemeinde-Verordnete: Caspar Toenne, Johann Kückenhoff, Caspar Altenwerth, Anton Neise, Johann Kerstholt, Johann Flinkerbusch
„TOP 1 : Die Gemeinde-Versammlung ist einstimmig der Ansicht, dass in Freienohl eine Apotheke concessioniert werden muss, da ein dringendes Bedürfnis hierzu vorliegt. In Freienohl und nächster Umgebung werden allein zwischen 550 bis 600 Fabrikarbeiter zum Teil in gefährlichen Betrieben beschäftigt. Hinzu kommen noch 150 – 200 Bau-Handwerker und Arbeiter, deren Beschäftigung gleichfalls als besonders gefährlich bezeichnet werden kann. Bei vorkommenden Unfällen, sowie bei plötzlich eintretenden Krankheiten empfinden es die Einwohner von Freienohl und Umgegend als eine große Härte, dass sie die von den Ärzten verschriebenen Medikamente erst nach vielen Stunden und nur auf kostspielige Weise erhalten können. Die nächsten Apotheken Arnsberg, Meschede, Eslohe liegen in einer Entfernung von wenigstens 11 Kilometer. Kostspielig werden die Medikamente besonders dadurch, dass stets eine Person per Bahn oder Wagen nach einem der 3 genannten Orte fahren muss, um dieselben herbei zu holen. Die meisten Familien sind zu unbemittelt, um die Kosten einer solchen zur Nachtzeit unternommenen Tour aufzubringen. Eine Apotheke in Freienohl würde nach jeder Richtung existenzfähig sein, denn der zugehörige Interessentenkreis umfasst wenigstens 10 Gemeinden mit etwa 6000 bis 7000 Einwohnern. Die benachbarten Apotheken würden durch die Concessionierung nicht in unbilliger Weise geschädigt werden, da 4 Apotheken an dem Verlust partizipieren. Der Amtmann soll gebeten werden, diesen Antrag mit möglichster Beschleunigung auf dem Instanzenweg der Königlichen Regierung in Arnsberg zu unterbreiten.“
Fast 2 Jahre später:
Am 16. Oktober 1902: Die Gemeinde-Versammlung: „Unter Bezugnahme auf den Beschluss vom 31. Januar 1901 wurde nochmal die Notwendigkeit einer Apotheke für Freienohl ausgesprochen und die Königliche Regierung wird dringend gebeten, die Concessionierung einer solchen in Freienohl zu veranlassen.“ - Auch unterschrieben mit dem neuen Amtmann August Göpfert (1902 – 1909).
Nachfolgend Akte AA 1738:
Vom 9. Februar 1903 ist ein Entwurf eines Briefes vom Amtmann Göpfert an den Landrat aktenkundig, 8 Seiten ganzseitig. Aus der Einleitung: „Die Bemühungen Freienohls um Erlangung einer Apotheke sind schon alt, sie reichen bis ins Jahr 1838 zurück. Im Jahr 1886 ist der Antrag...“ - Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung zählt Amtmann Göpfert einige andere Orte, ihre Einwohner- und Krankenkassen-Zahlen auf, die mit ihren Zahlen deutlich kleiner als das Amt und die Gemeinde Freienohl sind und eine eigene Apotheke oder Filial-Apotheke haben. Diese Orte liegen außerhalb des Regierungsbezirks Arnsberg, in ganz Westfalen. Dann ist dem Amtmann Göpfert wichtig: „Die Leute hier gehen gern und schon bei geringen Anlässen zum Arzt; Kurpfuscherei gibt es hier nicht. Dazu kommt noch der Handverkauf, aus welchem hier verhältnismäßig viel mehr Gewinn erzielt werden kann (als) als wie in Arnsberg... Man darf getrost annehmen, … dass für entgangenen Arbeitsverdienst: Krankheit, Besorgen der Medikamente aus Arnsberg... der gleiche Betrag angesetzt werden muss. Der Mangel der Apotheke hierselbst bedeutet also eine Schädigung des Wohlstandes um jährlich zweimal 12.329 Mark gleich 24.658 Mark! Dazu kommen dann noch die vielen Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten, welche den Kranken aus dem langen Zeitraum von der Verordnung bis zum Empfang der Medikamente erwachsen, Umstände, welche mitunter den endlichen Ausgang einer Krankheit, oft aber ihre Verlängerung zur traurigen Folge haben... Im Jahr 1901, - Amt-Bericht Nr. 627 vom 5.2. - (nicht aktenkundig) hat die Gemeinde Freienohl ihren Antrag erneuert. Eine Antwort hat sie noch nicht erhalten... Eine Abnahme der Bevölkerung hat niemals stattgefunden; das Wachstum ist aber nicht allein beständig, sondern auch progressiv!“
Akte AA 413:
Am 22. Februar 1904: Gemeinde-Versammlung „TOP 12: Der Gemeinde-Vorsteher Caspar Kehsler gibt von dem Schreiben an Gördes und Genossen (positiv zu gewichten) betr. Apotheke Kenntnis; er erklärt, dass der Herr Regierungs-Präsident (sich) erneut geäußert habe, dass er die Angelegenheit mit Wohlwollen prüfen werde. (Die) Versammlung ist hiermit zufrieden gestellt und hält ihrerseits die Sache für erledigt.“ – Von dem Schreiben an Gördes ist hier nichts aktenkundig, auch nicht in der „Parallel-Akte“ AA 1738.
Am 22. März 1904 – auf einer Notiz im Amt - sind nach Aussage des Dr. Steimann (s.o. Ärzte-Aufzählung) wenigstens 7 Personen mit der Bahn gefahren, um Sachen aus den benachbarten Apotheken zu holen.
Am 23. März 1904 hat das Amt Freienohl notiert: „Linneborn soll neulich während der Krankheit seiner Kinder für 9 Mark Medikamente gekauft haben. Das Heranholen derselben habe 22 Mark gekostet.“ - Und: „Es sind eine Menge Fälle zu sammeln, in welchen die Beteiligten: Kosten, Zeit und Verdrießlichkeiten und andere Unannehmlichkeiten in Folge des Mangels einer Apotheke am Ort gehabt haben.“ - Anton Linneborn ist Gemeinde-Verordneter.
Am 24. April teilt der Apotheker W. Kohlschein aus Eslohe mit, dass er geneigt ist (Zeit üblicher Höflichkeitsstil), in Freienohl eine Filial-Apotheke zu gründen.
Am 14. Mai 1904 TOP 9: Die Gemeinde-Vertretung bittet um Antwort auf den am 16. Oktober 1902 gefassten Beschluss auf Concessionierung einer Apotheke in Freienohl: „Die Gemeinde erklärt sich bereit, 1.) ein Haus mietweise zu stellen; 2.) einen Apotheker, der zur Übernahme bzw. Verwaltung der Apotheke bereit und geeignet ist, namhaft zu machen; 3.) verpflichtet sie sich, die Apotheke, falls in den nächsten Jahren eine staatliche Betriebssteuer für Apotheken eingeführt wird, diesen Bestimmungen zu unterwerfen und Sicherheit dafür zu leisten, dass dieses auch von dem Apotheker bzw. Apotheken-Verwalter geschieht.“
Am 17. Mai 1904 schreibt Amtmann Göpfert dem Landrat: „Anliegend überreiche ich Ihnen einen Beschluss der Gemeinde-Versammlung von Freienohl vom 14. Mai 1904 mit der Bitte um die weitere Veranlassung. Der Beschluss vom 16. Oktober 1902 ist mit Bericht vom 9. Februar 1903 dort eingereicht.“ - Siehe oben.
Mitte des Jahres 1904 ist aktenkundig – ohne genaues Datum – ein „Verzeichnis der eingegangenen Apotheker-Meldungen“ mit Name, Vorname, Alter oder Geburts-Datum, Geburtsort, Wohnort, Religion, Familienstand. - Hier sei nur zusammengefasst: 23 Bewerbungen. Die Wohnorte: Rauxel, Berlin-Schöneberg, Wiesan / Glogau, Siedenburg / Hannover, Horstmann / Neheim, Charlottenburg / Berlin, Hagen / Westfalen, Berlin, Breslau, Berlin, Neuwied, Gelsenkirchen, Elberfeld, Rummelsburg / Hannover, Münster, Grohsalsleben / Ostersleben, Rockenberg / Hessen, Anklam, Gerresheim / Düsseldorf, Bornheim / Bonn, Oberhausen. - Die Bewerbungsschreiben selbst sind aktenkundig, auch Abschriften von Führungszeugnissen und Lebenslauf-Texten; bei ihnen 4 mit Dr.-Titel.
Folgend Akte AA 413:
Beinahe doch ein erster Apotheker in Freienohl: Apotheker Fell.
Am 20. August 1904, Gemeinde-Versammlung „TOP 7: Auf Vortrag des Gemeinde-Vorstehers Caspar Kehsler wurde von den eingegangenen Apotheker-Meldungen Kenntnis genommen und beschlossen, dem Apotheker Fell in Rauxel dem Regierungs-Präsidenten zur Concessions-Erteilung vorzuschlagen. Ferner wurde beschlossen, dem Fell ein geeignetes Haus nebst Einrichtung und Vorräten gegen angemessene Vergütung zu stellen und ihm für die ersten 5 Jahre ein Netto-Einkommen von 4.800 Mark zu garantieren.“
Von dieser Bewerbung des Apothekers Fell ist mehr nicht aktenkundig. - AA 413
Einwohnerzahlen für Freienohl: 1905: Summe 1832, 930 männl., 902 weibl.; 15 evgl., 1805 kath., 12 jüd.; 327 Haushaltungen, 240 Wohnhäuser.
Folgend Akte AA 1738:
Am 28. März 1905 erhält der Landrat in Arnsberg vom Amtmann Göpfert und der Gemeinde-Verordnung diese Information: „Die Apotheken-Besitzer Schwarz und Dr. Osterhalt in Arnsberg hatten vorgeschlagen, einen Arznei-Kasten zu beschaffen (Berlin hatte dafür festgesetzt: Maße, Gewicht, Transport-Auflagen, Zeit-Angaben, Bahn-Belange), welcher in Freienohl die Rezepte aufnimmt, auf die Bahn mit jedem beliebigen Zug ohne Begleitung befördert, in Arnsberg mit den Arzneien gefüllt und ebenso wieder zurückgeschickt werden sollte. Die genannten Herren erbaten sich, die Kosten des Kastens und des Laden (?) zwischen Bahnhof Arnsberg und den Apotheken zu tragen. Dafür müsse die Gemeinde Freienohl damit einverstanden sein, dass die Apotheke hierselbst noch etwa 4 – 5 Jahre hinausgeschoben wird. Die Gemeinde-Verordnung hat dieses Anerbieten abgelehnt.“
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 3. April 1905 „TOP 4: Der Antrag der Apothekenbesitzer Schwarz und Dr. Osterholt in Arnsberg auf Hinausschiebung der Apotheke in Freienohl auf 4 – 5 Jahre wurde einstimmig und ganz entschieden abgelehnt.“
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 27. April 1905 „TOP 2: Die Gemeinde ist keineswegs gewillt, für die Errichtung einer Apotheke hierselbst irgendwelche Opfer à fonds perdu zu bewilligen, die die Herren Apotheken-Besitzer in Arnsberg nach ihrem Schreiben vom 4. d.M. zu verlangen scheinen. Sie ist nur bereit, für die Rentabilität der Apotheke einige Bürgschaft zu leisten. In welcher Weise und in welcher Höhe das zweckmäßig zu geschehen hat, kann natürlich jetzt noch nicht gesagt werden. Das kann vielmehr erst dann geschehen, wenn die anzuwendenden Kosten einigermaßen feststehen, z.B. Kaufgeld oder Miete für das Haus, Warenlager etc. Falls demnächst an die Gemeinde Ansprüche aus der Sicherheitsleistung gestellt werden, muss die Gemeinde zu einer genauen Nachprüfung des erhobenen Kaufpreises berechtigt und der Apotheken-Inhaber verpflichtet sein, sämtlich Bücher und Belege, auch der Mutter-Apotheke und erforderlichenfalls für mehrere rückwärtige Jahre vorzulegen. Die Gemeinde wünscht, dass der Errichter der Zweigapotheke jetzt baldigst an sie herantrete, und die Verhandlungen wegen Auswahl eines Hauses oder Bauplatzes nicht alleine eröffne, sondern auch schleunigst zum Ziele führe. Die Versammlung kann nicht umhin, auszusprechen, dass nach ihrem Gefühl die Herren Apotheken-Besitzer in Arnsberg die Verschleppungspolitik einzuschlagen scheinen. Sie bittet, dass dem ausdrücklich entgegengetreten und die Eröffnung der Filiale im kommenden Herbst, spätestens zum 1. Oktober geschehen werde. Andernfalls wird gebeten, die Konzessionierung einer Voll-Apotheke zu veranlassen.“ - Dieser TOP 2 ist im Unterschied zu TOP 1 und auch wieder den nächsten Protokollen mit einer auffallend anderen Schreib-Hand geschrieben, auch im Text-Stil, in der Wortwahl.
Am 2. Juli 1905 teilt der Amtmann Göpfert dem Landrat aus der Gemeinde-Versammlung Freienohl die Information mit, „dass die beiden Arnsberger Apotheker die Errichtung einer Filial-Apotheke in Freienohl abgelehnt haben. Freienohl will sich mit einer Apotheke in Hallenberg in Verbindung setzen, weil Hallenberg ein viel kleiner Ort als Freienohl ist.“ - Die Abschrift mit dem dortigen Apotheker-Vertrag ist aktenkundig.
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 29. Juli 1905 „TOP 1: Der am 2. Juli über die Apotheke gefasste und nicht protokollierte Beschluss wurde nochmals vorgelegt und genehmigt.“
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 6. Februar 1906 „TOP 10: Zu TOP 10 der Tagesordnung war der Amtmann abgetreten (hatte den Raum verlassen). - Dem Amtmann Göpfert wurden für 3 Reisen nach Arnsberg, 2 Reisen nach Münster, sowie 1 Reise nach Hallenberg in Sachen der Apotheke die üblichen Reisegebühren bewilligt.“
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 9. April 1906 „TOP 3: Der vom Apotheker Stompf vorgelegte Vertragsentwurf fand nicht die Billigung der Versammlung.“
Endlich die erste Apotheke in Freienohl!
Beim Weiterlesen nicht den Kopf schütteln, nicht die Nase rümpfen! Gewiss hatten dieser Apotheker und der nächste sich ihr Berufsleben in Freienohl anders vorgestellt.
Am 15. Februar 1906 – das Gewichtige steht im Nebensatz! - : „Die Gemeinde-Vertretung hatte, nachdem dem Apotheker Werner Floret die Concession zum Betrieb einer Voll-Apotheke in Freienohl vom Oberpräsidenten erteilt war und diesem das erforderliche Betriebskapital nicht zur Verfügung stand, beschlossen, das notwendige Kapital gegen Verzinsung und Sicherstellung herzugeben.“ - Die weiteren Angaben zur Regelung der Finanzierung sind aktenkundig, hier aber ausgelassen.
Am 1. Mai 1906: Einstimmiger Beschluss der Gemeinde-Vertretung, „dass dem Apotheker Werner Floret die hiesige Apotheken-Consession zu erteilen ist.“
Am 12. Juni 1906: „Der Landrat i.V. Koffler (Sekretär des Landrats) möchte den Platz wissen für den Bau der neuen Apotheke.!
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 3. Juli 1906
TOP 1: Die Gemeinde ist mit dem zwischen dem Apotheker Floret und Bauunternehmer Kehsler abgeschlossenen Vertrag zur Herstellung eines Apotheken-Gebäudes einverstanden. Die Gemeinde ist auch einverstanden, dass hierzu der Neise´sche Bauplatz gewählt wird.
TOP 2: Dem Apotheker Floret wurde für die drei ersten Betriebsjahre ein Rein-Einkommen von 3.600 Mark nebst freier Wohnung zugesichert. Die Neueinrichtung der Apotheker-Räume nebst Warenlager hat Floret selbst zu besorgen und stellt die Gemeinde hierzu das nötige Kapital gegen eine Verzinsung von 4 Prozent. Es wird dem Apotheker Floret zur Bedingung gemacht, dass er genau Rechnung führt nach dem Hallenberg-System, sowie dem Amtmann oder einem Bevollmächtigten der Gemeinde jederzeit Einsicht in die Geschäftsbücher gestattet. Auch hat derselbe jedes Jahr ordnungsmäßig Rechnung vorzulegen. (AA 414)
Am 4. Juli 1906 informiert Amtmann Göpfert den Landrat über den Beschluss der Gemeinde- Vertretung vom 3. Juli 1906: „Für die neue Apotheke soll ein Garten des Franz Neise angekauft werden; er liegt neben der Gastwirtschaft Toenne, dem Amtshaus halb links gegenüber, ist circa 30 Ruthen groß und als Bauplatz sehr geeignet.“ - Die heutige St. Nikolaus-Apotheke! - 1 Ruthe= 14,18 qm; also gut 420 qm. (AA 414)
Vom 31. Juli 1906 ist auf 3 ½ Seiten der Bauvertrag für den Bauunternehmer Caspar Kehsler dargestellt; hier ausgelassen. (AA 414)
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 18. September 1906 „TOP 3: Der Antrag des Bauunternehmers Kehsler für den Anschluss der Apotheke an die Wasserleitung an der Hauptstraße (für damals noch ungewohnter Straßen-Name) wird genehmigt.“ (AA 414)
Am 3. Januar 1907: Vom Oberpräsidenten in Münster über den Landrat in Arnsberg und den Amtmann in Freienohl erhält der Apotheker Werner Floret erst seine „Concessions-Urkunde“. Die ist nicht aktenkundig.
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 24. Januar 1907 „TOP 9: Der Vertrag mit dem Apotheker Floret soll durch den Gemeinde-Amtmann Göpfert, die Gemeinde-Verordneten Linneborn und Kehsler entworfen und in der nächsten Sitzung zur Genehmigung vorgelegt werden.“ (AA 414)
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 29. Januar 1907 „TOP 1: Zur Bezahlung der Rechnungen für die Erweiterung der Apotheke soll eine Anleihe bis zu 21.000 Mark bei der Amts-Sparkasse Freienohl erhoben werden. TOP 2: Der endgültige Vertrag mit dem Apotheker Floret soll morgen Abend vorgelegt werden und wurden die Gemeinde-Verordneten zu diesem Termin vorgeladen.“ (AA 414)
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 30. Januar 1907 „TOP 1: Der von der gewählten Commission entworfene Vertrag zwischen der Gemeinde und dem Apotheker Floret wurde genehmigt; jedoch ohne Berücksichtigung der von dem Letzteren gezogenen Nachtrags-Bemerkungen. TOP 2: Die am 29. d.M. beschlossene Aufnahme einer Anleihe zur Bezahlung von Einrichtung und Waren für die Apotheke soll anstatt 21.000 Mark nur 20.000 Mark betragen. TOP 3: Es sollen die bereits von der Gemeindekasse auf Anweisung bezahlten Beträge bei Eingang des Anleihe-Kapitals sofort an dieselbe zurück erstattet werden; d.h. Nur die Beträge, so weit sie Kosten für die Apotheke selbst darstellen.“ (AA 414)
Am 30. Januar 1907 ist auch aktenkundig der Vertrag mit dem Apotheker Floret: zum Wohnhaus, zur Apotheke, zur Medikamenten-Besorgung usw. - Der dreiseitige Text ist hier ausgelassen. - Gezeichnet vom Amtmann Göpfert, dem stellvertretenden Gemeinde-Vorsteher Johann Kückenhoff und dem Apotheker Floret. (AA 414)
Am 12. Februar 1907 liegt aktenkundig vor die „Schuld-Urkunde, der Verzinsungs- und Tilgungsplan eines Kapitals von 20.000 Mark, Darlehen der Gemeinde Freienohl“. (
Ende AA 414. Folgend Akte AA 413: Gemeinde-Protokolle
Am 6. April 1907 „TOP 8: Die Regulierung der Apotheker-Rechnungen wurde vorläufig vertagt.“ – Wahrscheinlich war Wichtigeres notwendiger; in diesem Kapitel: nur eine Auswahl der TOP zum Thema Apotheke.
Am 22. April 1907 „TOP 9: Die eingereichten Apotheker-Rechnungen in Höhe von 6,35 M wurden auf die Gemeinde-Kasse übernommen. - TOP 13: Die Prüfung der Apotheker-Rechnungen soll nochmals durch die früher gewählte Commission Kehsler, Linneborn und Noeke vorgenommen werden.“
Aus dem Gemeinde-Protokoll vom 1. Mai 1907 „TOP 4: Die von der gewählten Commission für die Apotheken-Einrichtungen festgesetzten Beträge in der Gesamthöhe von 20.231, 90 Mark wurden von der Gemeinde-Vertretung als richtig anerkannt. Das hierüber angefertigte Inventarverzeichnis soll nebst den beabsichtigten Rechnungen vom Apotheker Floret anerkannt und auf dem Amtsbüro hinterlegt werden.“
Am 6. Juli 1907 „TOP 12: Die Rechnung des Apothekers Floret für Armenzwecke im Betrag von 23 Mark soll aus der Gemeinde-Kasse bezahlt werden.“ - Einzelheiten über die „Armenzwecke“ sind nicht aktenkundig. -
Die Apotheker-Arbeit war also schon im Betrieb.
Am 22. Juli 1907 „TOP 4: Die Apotheker-Rechnung von 8,20 Mark für die Hebamme soll von der Gemeinde übernommen werden. - TOP 6: Die Gemeinde-Vertretung bittet um Vorlage des mit dem Apotheker Floret abgeschlossenen Vertrag.“ - Vielleicht sollte eine Abschrift angefertigt werden für Behörden-Zwecke...
Am 26. Juli 1907 notiert Amtmann Göpfert: „Kehsler hat sich heute eine Abschrift des Vertrags mitgenommen.“
Am 20. August 1907 „TOP 7: Der Vertrag mit dem Apotheker wurde laut Beschluss vom 22. Juli vorgelegt. Es wurde besonders hervorgehoben, dass Herr Floret seiner Abzahlungspflicht nicht genügt, wenn er erst ultimo Juli (am letzten Juli-Tag, 31. Juli) mit der Zahlung von 250 Mark beginnt. Der Vertrag ist vielmehr in § 2 so gefasst, dass am ersten Werktag des Monats die Zahlung von 250 Mark erfolgen soll. Der Vorsteher wurde angewiesen, Herrn Floret auf § 2 hinzuweisen.“ - Der Vertrag selbst ist nicht aktenkundig. Vielleicht ist der Verdienst noch allzu gering.
Am 9. Oktober 1907 „TOP 4: Die Rechnung des Apothekers Floret für Medikamente der Armen in Höhe von 32,90 Mark wurde für die Gemeinde-Kasse übernommen.“ - In jenen Jahren wurden von der Gemeinde-Vertretung gemeinsam mit dem Amtmann aufgrund unterschiedlicher Anträge und Gemeinde-Erfahrungen festgehalten, - und dem Apotheker, dem Arzt mitgeteilt -, wer zu den Armen, dazu gehören zumeist auch die Witwen allein oder mit ihren kleineren Kindern, wer zu den sogen. Ortsarmen gehört; eine offizielle, behördlich geregelte Kennzeichnung für die geringste Verdienst-Stufe.
Protokoll der Gemeinde-Versammlung am 9. November 1907 „TOP 1: Nachdem die Apotheke nunmehr ein Jahr lang bestanden hat, soll ein Sachverständiger die Inventur-Aufnahme der Waren in der Apotheke vornehmen.“
Am 8. Januar 1908 „TOP 5: Von der Revision der Apotheker-Bestände wurde vorläufig bis zum 1. April d.J. Abstand genommen.“ - Ein Grund ist nicht aktenkundig.
Am 17. Januar 1908 „TOP 5: Die Rechnung des Apothekers für von Ortsarmen entnommene Arzneien wurde genehmigt und deren Auszahlung kann erfolgen.“
Am 7. März 1908 „ TOP 3: An der Apotheker-Rechnung für die Hebamme wurde der Betrag von 6,08 Mark einschl. 10 % Rabat festgesetzt und zur Zahlung auf die Gemeinde-Kasse angewiesen.“
Am 9. April 1908 „TOP 8: Es soll eine Aufnahme sämtlicher Bestände, ein Inventarium-Verzeichnis über die zum Apotheker-Betrieb vorhandenen Gegenstände aufgenommen werden. An die Zahlung der rückständigen Zins- und Amortisationsquoten soll der Apotheker erinnert werden.“ - Ein Grund ist nicht aktenkundig. Vielleicht verdient er doch nicht genug...
Am 27. April 1908 „ TOP 4: Die vom Apotheker Floret eingereichten Rechnungen im Betrag von 1.303,27 M und 66,66 M zusammen 1.369,93 M wurden als nicht zu Recht bestehend zurückgewiesen. Es wurde in dieser Hinsicht auf den bestehenden Vertrag verwiesen. Dieser Vertrag soll auch hinsichtlich der Zahlungen durch Floret maßgebend sein und (es) soll der Apotheker angehalten werden, die festgesetzten monatlichen Beträge wie auch den Mietsvorschuss am 1. Mai zu zahlen.“ - Die Hintergründe für diesen TOP sind nicht aktenkundig. - „Die Rechnung des Apothekers Floret für gelieferte Medikamente für die Hebamme im Betrag von 15,85 M wurde auf die Gemeinde-Kasse übernommen.“
Am 2. Mai 1908: „Das Apotheker-Inventar soll Apotheker Schwarz zu Arnsberg bearbeiten.“ - S.o. 8. April 1908.
Am 3. Mai 1908: „Entgegen der Absicht des Apothekers Schwarz (in Arnsberg), aufgrund der von Floret dem Ersteren (Schwarz) überreichten Rechnungen für Ersatz an Waren-Beständen eine Feststellung des sämtlichen Inventars vorzulegen, wurde beschlossen, den Beschluss vom 9. April 1908, laut welchem eine ziemlich genaue Aufnahme stattfinden soll, aufrecht zu erhalten, und zwar soll diese Aufnahme durch Apotheker Schwarz geschehen. Das Einverständnis des Apothekers Floret voraussetzend wurde der Apotheker Schwarz ermächtigt, diejenigen Warenbestände, welche nach Ansicht des Letzteren (Schwarz) über den normalen Bedarf hinaus angeschafft sind, für Rechnung der Gemeinde zu veräußern. In diesem Fall sollen die Anschaffungskosten den Verkaufsmengen entsprechen, dem Apotheker Floret gutgeschrieben werden. Es wird dabei vorausgesetzt, dass sich der Revisor bei Veräußerung der Waren mit der Gemeinde in Verbindung setzt.“
Am 8. Mai 1908 „TOP 8: Die Rechnung des Apothekers Schwarz im Betrag von 55 Mark für Prüfung der Warenbestände und Bücher in der Apotheke wurde auf die Gemeinde-Kasse übernommen. - TOP 9: Die Apotheker-Rechnung für die Ortskasse im Betrag von 41,50 M wurde auf die Gemeinde-Kasse übernommen. Desgleichen für die Medikamente, die die Hebamme entnommen hat im Betrag von 12,83 M „
Ende AA 413. Nachfolgend Akte AA 1738:
Am 20. Mai 1908 lädt der Landrat aus Arnsberg zum Samstag, den 23. Mai 1908 ins Amtshaus Freienohl zu einer Besprechung der Arznei-Versorgung von Freienohl und Oeventrop ein, auch den Apotheker Floret.
Am 22. Mai 1908 schreibt Floret aus Bad Nauheim, dass er krankheitshalber wegen einer Kur an dem Termin nicht anwesend sein könne. Er schreibt am Schluss, dass er sein „Geschäft in jeder Hinsicht würdig genommen habe. Das können auch bestätigen Botenfrau Pöttgen verwitw. Kohsmann in Freienohl, verwitw. Botenfrau Bosse aus Glösingen, Bote Trumpetter in Freienohl, Botenfrau Schmitz in Freienohl.“
Ende AA 1738.
Am 8. Juli 1908 „TOP 9: Die Apotheker-Rechnung für Ortsarme im Betrag von 41,55 M wurde auf die Gemeinde-Kasse übernommen, auch die für Medikamente durch die Hebamme im Betrag von 19,85 Mark.“ - AA 414.
Akte AA 413:
Am 14. Juli 1908: „Eine außerordentliche Sitzung der Gemeinde-Vertretung: TOP 2: Um eine Pfändung der Forderungen des Apothekers Floret bei Gemeinde-, Amts- und Ortskrankenkasse vornehmen zu können, soll eine darauf sich beziehende Klage eingereicht werden.“
Am 25. Juli 1908 „TOP 2: Es soll schleunigst eine Eingabe an die Königliche Regierung gemacht werden, darin bestehend, dass der Apotheker Floret von hier entfernt wird, da die Gemeinde durch dessen bisherige Handlungsweise fortgesetzt geschädigt wird. Dem Amtmann und Gemeinde-Vorsteher sollen auch dieserhalb (deshalb) persönlich in nächster Zeit bei der Königlichen Regierung vorstellig werden. In dem eingeleiteten Klage-Verfahren soll vorläufig der auf den 31. angesetzte Termin zurückgestellt werden und zwar bis auf weiteren Beschluss. Die Zurückstellung des Termins soll jedoch nur dann stattfinden, wenn Floret die Einkäufe aus der Orts-, Gemeinde-, Amts- und der Wildshausener Fabrik-Krankenkasse der Gemeinde rechtskräftig für die Monate Juli, August und September cediert.“
Am 19. August 1908 „TOP 1: Es wurde Kenntnis davon genommen, dass dem Apotheker Floret eine andere Concession erteilt war. Die schriftliche niedergelegte Verpflichtung des Apothekers sowie die darunter stehende Bürgschaft des Professor Franck (nicht aktenkundig) wurden vorgelesen und soll zunächst bei einem Auskunftsbüro über die Kreditfähigkeit desselben Auskunft eingeholt werden.“
Akte AA 1738:
Am 30. August 1908 teilt Apotheker Floret über den Amtmann Göpfert in Freienohl dem Regierungspräsidenten in Arnsberg mit: „Nach den im vergangenen Winter gemachten Erfahrungen bezüglich meiner Gesundheit habe ich mich entschlossen, Freienohl zu verlassen. … Nach Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister zu Dortmund darf ich damit rechnen, im Frühjahr 1909 da eine neue Apotheke zu eröffnen.“
Akte AA 413; auch weiterhin:
Am 14. Oktober 1908 „TOP 6: Die Rechnung des Apothekers Floret im Betrag von 29,20 M wurde auf die Gemeinde-Kasse übernommen.“
Der Neue: Apotheker Karl Schmidt
Am 23. Dezember 1908: „Der Apotheker Karl Schmidt aus Höxter wird die Apotheke mit dem Wohnhaus in Freienohl übernehmen, vertragsmäßig am 26. Mai 1909. - gez. Gemeinde-Vorstand: Ehren-Amtmann und Amts-Beigeordneter Schulte, Gemeinde-Vorsteher Caspar Kehsler, Apotheker Karl Schmidt.“
Am 31. Dezember 1908 „TOP 10: Die Gemeinde-Vertretung ist einverstanden mit den Vorschlägen des Amtmanns in Bezug auf die Apotheker-Angelegenheit, die dem Apotheker Karl Schmidt gemacht wurden.“ - Vielleicht TOP 7 vom 28. Januar 1909.
Am 15. Januar 1909 „TOP 7: Amtmann Göpfert erhält als Reisespesen 200 Mark für die Apotheke. - Mehr ist nicht aktenkundig. - TOP 8: Eine vorgelegte Apotheker-Rechnung in Höhe von 22,80 M wurde auf die Gemeindekasse übernommen.“
Am 28. Januar 1909 „TOP 7: Der Vertrag mit dem Bauunternehmer Kehsler wegen Erwerb der Apotheke wird genehmigt, desgleichen der Vertrag mit dem Apotheker Schmidt wegen Veräußerung der Apotheke.“
Am 20. Februar 1909 „TOP 9: Für Taxation des Apotheker-Gebäudes sollen dem Kreisbaumeister Ebert die liquidierten 10 Mark gezahlt werden.“
Am 27. Februar 1909 „TOP 1: Dem Apotheker Schmidt wurde Einrichtung und Inventar nebst dem am 21. Februar vorhandenen Inventar zum Preis von 11.500 Mark käuflich überlassen und zwar geschah dieses aufgrund eines Gutachtens der beiden Sachverständigen Apotheker Doering von Leopoldshöhe und Apotheker-Konzessionar Bogan aus Dortmund, wobei letzterer aus Dortmund als Vertreter von Floret nach hier entsandt war. Da die Gemeinde nach ziemlich genauer Schätzung einen Ausfall von 9.850 Mark erleidet, soll aufgrund der geleisteten Bürgschaft der Prof. Franck aus Berlin aufgefordert werden, den noch genau zu spezifizierenden Betrag der Gemeinde zu ersetzen. Denn diese von Prof. Franck zu ersetzenden Beträge gehören auf die Instandsetzung des Destillier-Apparats von W. Bitter, Bielefeld.“
TOP 9: Mit Hilfe der Apotheke zwei Armen-Unterstützungen.
Am 27. März 1909 „TOP 10: Da der Prof. Franck als Bürge für den Apotheker Floret bisher der Zahlungs-Aufforderung nicht nachgekommen ist, soll die Angelegenheit einem Rechtsanwalt zur Bewirkung übergeben werden. Zugleich soll der Anwalt um Auskunft ersucht werden, ob und in welchem Wege Floret wegen Mitnahme von Gemeinde-Pfandobjekten zur Rechenschaft gezogen werden kann.“
Am 3. April 1909: Sehr knapp zusammengefasst: Das Apotheken-Gebäude hatte Bauunternehmer Kehsler von der Gemeinde gekauft. Von Kehsler kann Apotheker Schmidt dieses Gebäude pachten, „falls er sich dazu bereithält“.. - Die ausführlich genannten Geldbeträge sind hier ausgelassen.
Am 2. Mai 1909 „TOP 12: Apotheker Schmidt zahlt bis zur Übernahme des Apotheken-Hauses an Kehsler Miete.“
Am 9. Mai 1909 „TOP 5: Apotheker Schmidt zahlt für das Gebäude-Grundstück und für das Gebäude an Kehsler und an die Gemeinde die vereinbarten Beträge. - Die sind hier ausgelassen.
Am 8. August 1909 TOP 8: Dem Apotheker Schmidt soll auf seinen Antrag die Umsatzsteuer erlassen werden.“
Am 9. Oktober 1909 „TOP 8: Die Rechnung des Apothekers Schmidt über 7,20 Mark soll zur Auszahlung gelangen. - „Armen-Medizin“ - TOP 9: Der vom Apotheker Jüttner als Sicherheit der Gemeinde Hypothekenbrief lautend über 5.000 Mark, geltend über 2.000 Mark, soll, da nunmehr die 2.000 Mark in bar hinterlegt sind, an diesen zurückgesandt werden.“ - Der Apotheker Jüttner ist inhaltlich und aktenkundig nicht einzuordnen.
Am 11. Dezember 1909 TOP 5: Nicht bezifferte „Sozial-Ausgabe“ über Arzt-Rechnung und Apotheke an die Gemeinde-Kasse. - „TOP 8: Die vom Apotheker Floret der Gemeinde in Rest verschuldeten Steuer-Beträge sollen nicht niedergeschlagen werden.“
In der Akte AA 413 und 414 sind keine weiteren Eintragungen zur Apotheke und zum Apotheker Schmidt aktenkundig.
Nachfolgend Akte AA 415:
Am 12. Januar 1910 „TOP 14: Eine Apotheker-Rechnung von 6,35 Mark für Ortsarme wurde genehmigt und übernommen.
Am 18. April 1910 TOP 13: Dem Apotheker wurde eine Rechnung zur Zahlung von 11,85 Mark für Ortsarme gebilligt und übernommen.“
Am 21. Juli 1910 „TOP 9: Die Rechnung des Apothekers für Ortsarme im Betrag von 10,40 Mark wurde übernommen, wobei bemerkt wurde, dass die Witwe von jetzt ab nicht mehr als Ortsarme gilt.“ - Vielleicht können die inzwischen verdienenden Kinder für ihre Mutter sorgen.
Am 3. Februar 1911 „TOP 4: Der Antrag des Apothekers Schmidt um die Gestellung einer freien Wohnung wurde abgelehnt.“ - (AA 416)
Am 3. April 1911: auszugsweises Protokoll von der Konferenz im Amtshaus in „Apotheken-Angelegenheit“ mit Regierungsrat Solbrig, Geh. Medizinalrat Dr. Röper und Apotheker Schwarz aus Arnsberg, Amtsbeigeordneter Toenne und Apotheker Karl Schmidt, - 2 ½ sehr eng beschriebenes ausführliches Protokoll; hier nicht immer wörtlich referiert: Der Apotheker wohnt bei Toenne (Poststation, Gastwirtschaft „Hölle“). Mit seiner Medikamenten-Ausgabe , mit, mal auch ohne Rezept, hat er sich nicht immer korrekt verhalten. Die Fabriken (Wildshausen und Oeventrop) haben sich vielleicht deswegen die notwendigen Medikamente aus Arnsberg besorgt. Ein finanzieller Nachteil für die Freienohler Apotheke. „Das Verhältnis zu den Ärzten Dr. Ransoné (Freienohl) und Dr. Linneborn (Oeventrop) sei beinahe feindlich... Herr Schmidt will in keiner Weise die Schuld an der Unrentabilität der Apotheke tragen. Die Ärzte und das Publikum haben nach seiner Meinung eine gewisse Animosität (Widerwilligkeit) gegen die hiesige Apotheke, die zuerst mit großem Interesse besucht, nun aber, da sie verkauft sei (!), vernachlässigt wurde... Herr Schmidt will zufrieden sein, wenn ihm die Gemeinde ein Jahreseinkommen von 3.600 Mark und die Wohnungsmiete garantiert. Herr Regierungsrat Solbrig rät der Gemeinde, auf diese oder andere Weise die Apotheke zu unterstützen, damit die Regierung nicht in die Lage kommen, die Concession für Freienohl zurückzuziehen...“ Nach Vereinbarungen zur Rentabilität: „Sollte sich jedoch trotz alledem ergeben, dass die Apotheke ohne Unterstützung nicht lebensfähig ist, so soll ein Betrag aus der Gemeindekasse bewilligt werden, dessen Höhe sich nach den statt gehabten Einnahmen richten soll.“
Am 5. April 1911 hält der Regierungspräsident in Arnsberg u.a. fest: „Die ungünstigen Existenz-Bedingungen, unter denen der Apotheker in Freienohl zu leiden hat... die weitere Existenz der Apotheke in Freienohl ernstlich gefährdet ist und ohne Zuschuss seitens der Gemeinde unmöglich sein wird...“
Das folgende Protokoll ist ähnlich dem vom 3. und 5. April 1911. Beachtenswert ist auch die zeitnahe Aufeinanderfolge der Konferenzen, mit den gleichen Teilnehmern. Zeichen, Signale für erhebliche Probleme, Sorgen.
Am 6. April 1911 „TOP 1: Der Gemeinde-Vorsteher brachte zur Kenntnis, dass der Apotheker Schmidt in Folge Ablehnung seines Antrags, ihm die Wohnungsmiete aus der Gemeinde-Kasse zu zahlen, der Königlichen Regierung die Apotheken-Concession für Freienohl eventuell zurückgeben und diese um Verleihung einer Concession für einen anderen Platz (Ort) bitten werde. Die betreffende Eingabe des Apothekers sei in einer Sitzung am 3. April 1911, die im Amtshause vom Herrn Regierungsrat Solbrig unter Zuziehung des Apothekers Schwarz, sowie des Amts-Beigeordneten Toenne, des Apothekers Schmidt und ihm selbst anberaumt war, eingehend erörtert, wobei ein Brief von ihm an Schmidt als Anfangspunkt diente. Die Ausführungen des Vorstehers betrafen hauptsächlich die Versagung der Apotheke in einer Nacht, als weder der Vertreter des Apothekers Schmidt, welcher bei Toenne wohnte, trotz mehrfachen Wecken zu haben war, noch der Apotheker selbst, der zugegeben hatte, zwei Schlafpulver genommen habe, nicht trotz wiederholtem heftigen Schlagen an der Türklinke aufwachte. Hier wurde festgestellt, dass der Apotheker anderen Tages (am nächsten Tag) nach (dem) Lattenberg spazieren gefahren sei. Es wurde weiter ausgeführt, dass Schmidt häufiger die vom Arzt verschriebenen Rezepte nicht oder nur zum Teil ausführen könne, weil die betreffenden Medikamente nicht vorrätig seien. Häufig soll es auch vorkommen, dass der Apotheker ohne Rezept die Medikamente verabreicht. Dann kam der Vorsteher auf das viel zu kurzfristige Kreditgeben, auf die allzu raschen Mahnungen (diese auch per Postkarte) zu sprechen, die das Publikum (damals sind damit nicht Zuschauer gemeint, sondern die Einwohner Freienohls) veranlassten, zu einer anderen Apotheke zu gehen (in Freienohl gab es keine andere; nur in Arnsberg, Meschede oder Eslohe). Dass das Verhältnis zwischen den Ärzten, den Herren Dr. Ransoné und Dr. Linneborn ein recht spannendes (gemeint ist wohl: angespanntes), beinahe feindliches sei, wurde ebenfalls hervorgehoben. Ersterer will sich durch die Handlungsweise des Apothekers zur Selbstbeschaffung von Arzneien veranlasst gesehen haben. Dass Herr Dr. Ransoné aber auch in keiner Weise das Interesse der Gemeinde wahrt, indem er der Apotheke am Ort die von ihm verschriebenen Rezepte zuwendet, wurde betont. Vor wie nach, wenn auch nicht in solchen Mengen wie früher, soll es Herr Dr. Linneborn verstehen, der Apotheke in Freienohl die Verabreichung von Medikamenten für seinen Bezirk fast unmöglich zu machen. Der Herr Landrat soll gebeten werden, die Rezepte, bzw. die Kassen-Bücher der drei Fabrik-Krankenkassen prüfen und feststellen zu lassen, wie hoch die Beträge für die Medikamente sind, die aus Freienohl bezogen oder die auf andere Weise beschafft sind. Herr Geh. Medizinalrat Dr. Röper hat versprochen, mit Herrn Dr. Linneborn Rücksprache zu nehmen. Herr Schmidt will in keiner Weise die Schuld der Unrentabilität der Apotheke tragen, die Ärzte und das Publikum haben nach seiner Meinung eine gewisse Animosität gegen die hiesige Apotheke, die zuerst mit großem Interesse besucht, nun aber, da sie verkauft sei, vernachlässigt würde. Herr Schmidt will zufrieden sein, wenn ihm die Gemeinde ein Jahreseinkommen von 3.600 Mark und die Wohnungsmiete garantiert. Herr Regierungsrat Solbrig rät der Gemeinde, auf diese oder andere Weise die Apotheke zu unterstützen, damit die Regierung nicht in die Lage komme, die Konzession (im Original neue Rechtschreibung!) für Freienohl zurück zu ziehen. Die Gemeinde-Vertretung tritt den Ausführungen des Gemeinde-Vorstehers betreffend der inkorrekten Handlungsweise des Apothekers bei, glaubt bestimmt schon an eine Besserung, indem das Publikum anders als bisher behandelt wird. Da Herr Dr. Ransoné einen recht erheblichen Zuschuss zu seinem Fixum aus der Gemeinde-Kasse erhält, erachtet die Gemeinde-Vertretung als seine Pflicht, in jeder Weise die Rentabilität der Apotheke zu fördern und soll derselbe an diese Pflicht erinnert, auch zur Anbahnung eines besseren Verhältnisses mit dem Apotheker angehalten werden. - Die Gemeinde bedauert sehr, dass die hiesige Apotheke fast gar nicht durch die Fabrik-Krankenkassen in Oeventrop frequentiert wirde, dass vielmehr entweder die Rezepte nach Arnsberg wandern (!) oder von dem behandelten Arzt die Medikamente von seinem Vorrat abgegeben werden. Es sollen im Laufe des Winters täglich circa 20 Consultationen gewesen sein, die bezogenen Medikamente aus der hiesigen Apotheke sind kaum zu beachten. - Der Herr Landrat wird gebeten, hier doch in geeigneter Weise Abhilfe schaffen zu wollen. Die Gemeinde-Vertretung ist der Ansicht, dass wenn in ordnungs- und gesetzmäßiger Weise die Apotheke geführt wird, wenn weiter die in Frage kommenden Ärzte in wohlwollender Weise sich für die Rentabilität der Apotheke interessieren und das Publikum darauf aufmerksam gemacht wird, dass es doch ungehörig ist und keinen Lokalpatriotismus verrät, wenn Medikamente aus fremden Apotheken bezogen werden, eine Beihilfe aus Gemeinde-Mitteln nicht notwendig ist. Sollte es sich doch trotz alledem ergeben, dass die Apotheke ohne Unterstützung nicht lebensfähig ist, so soll ein Betrag aus der Gemeinde-Kasse bewilligt werden, dessen Höhe sich nach den stattgehabten Einnahmen richten soll. - Nachdem der Herr A. Linneborn eingetreten war, wurde weiter verhandelt. (TOP 2, andere Thematik; A. Linneborn war verwandt mit Dr. Linneborn, Höflichkeit!) (AA 415)
Am 1. Mai 1911 „TOP 9: Eine Apotheker-Rechnung von 10,40 M wurde auf die Gemeinde-Kasse übernommen. TOP 10: Die in Folge des erlittenen Unfalls des Ernst Schirp entstandenen Apotheker-Kosten sollen auf der Gemeinde-Kasse übernommen werden. In Folge dieser Unterstützung soll der Dr. Ransoné ersucht werden, auf seine Gebühren als Armen-Arzt zu verzichten. TOP 21: Die Verfügung des Herrn Regierungs-Präsidenten und des Herrn Landrats betreffend Gewährung eines Zuschusses zur hiesigen Apotheke wurde vorgelegt. Die Gemeinde-Vertretung weist auf den Beschluss vom 6. April hin, laut dem ein Zuschuss gewährt werden soll, wenn trotz ordnungs- und gesetzmäßiger Führung der Apotheke die Lebensfähigkeit derselben nicht eintritt. Die Gemeinde-Vertretung glaubt, bei diesem Beschluss bleiben zu müssen und zunächst den Schluss des Jahres abzuwarten, um das Weitere zu veranlassen.“ - Mehr ist hier nicht aktenkundig. AA 415.
Am 15. Juli 1911 „TOP 3: In Sachen Floret sollen 1.000 Mark sofort hinterlegt werden, um die Klage gegen Franck einlegen zu können.“ (Franck manchmal mit k, manchmal mit ck geschrieben.)
Am 29. November 1911 „TOP 6: In Sachen Apotheker Floret sollen die Rechtsanwälte Biermann I und II mit der Vertretung beauftragt werden.“ - Inhalt ist nicht aktenkundig.
Am 19. Februar 1912 berichtet der Freienohler Amtmann an den Landrat in Arnsberg: „Der Apotheker Schmidt hat eine Aufstellung über seine Einnahmen im Jahr 1911 bisher nicht eingereicht. Anscheinend haben sich die Verhältnisse gebessert und ist anzunehmen, dass Schmidt mit den nunmehr vorhandenen Einnahmen zufrieden ist.“
Akten-Texte: Briefe seitens des Regierungspräsidenten vom 12.3.1912 aus Arnsberg, vom 16.3.1912 aus Arnsberg und vom 20.3.1912 aus Arnsberg und der Freienohler Gemeinde-Beschluss vom 22. April 1912 zeigen: „Freienohl ist bereit, dem Apotheker Schmidt einen Zuschuss zu zahlen. Es konnte festgestellt werden, dass sich die Zuwendungen von Rezepten seitens einer Fabrik-Krankenkasse bedeutend vermehrt hat und es ist anzunehmen, dass die übrigen Fabrik-Krankenkassen der Gemeinde Oeventrop die Medikamente in erhöhtem Maße aus der Apotheke in Freienohl beziehen werden.“
Am 22. April 1912 „TOP 1: Zufolge der Eingabe des Apothekers Schmidt an die Königliche Regierung, sowie dessen Zuschrift vom 4. April an die hiesige Gemeinde-Vertretung, wurde ein zu jeder Zeit widerruflicher Zuschuss von 500 Mark pro Jahr, zahlbar vom 1.4.1912 an genehmigt. Es konnte festgestellt werden, dass sich die Zuwendungen von Rezepten seitens einer Fabrik-Krankenkasse bedeutend vermehrt hat und (es) ist anzunehmen, dass auch die übrigen Fabrik-Krankenkassen der Gemeinde Oeventrop die Medikamente im erhöhten Maße aus der Apotheke in Freienohl beziehen werden.“ (AA 415, 416)
Am 13. Mai 1912 „TOP 10: Der Gemeinde-Vorsteher Kehsler soll gebeten werden, in der nächsten Sitzung Auskunft über den jetzigen Stand des Prozesses Apotheker Floret zu geben.“ (AA 415)
Am 19. Mai 1912 „TOP 3: Die Beschlussfassung über die Apotheke wurde bis zur nächsten Sitzung vertagt.“ - Mehr ist nicht aktenkundig. (AA 416)
Am 31. Mai 1912 „TOP 8: Aufgrund der Verfügung der Königlichen Regierung wird der Beschluss vom 22. April 1912 aufgehoben. Dafür sollen dem Apotheker Schmidt die Zinsen für die Hypotheken im Betrag von 292,50 Mark erlassen werden. Außerdem soll nach Möglichkeit eine bessere Frequentierung der Apotheke angestrebt und die Einwohner von Freienohl durch Überweisung von Druckexemplaren dazu angehalten werden. Der Königlichen Regierung soll eine entsprechende Mitteilung darüber zugesandt werden.“ (AA 416)
Am 11. Juni 1912 informiert der Regierungspräsident aus Arnsberg, dass der Apotheker Schmidt die Konzession für eine neue Apotheke in Haspe angenommen hat. (AA 415)
Am 23. Juli 1912 „TOP 8: Auf das Schreiben der Königlichen Regierung vom 11. Juli 1912 zum Bericht vom 18. Juni d.J. Beschloss die Gemeinde-Vertretung, dem Concessions-Nachfolger des Apothekers Schmidt, falls derselbe bei ordnungsmäßiger Führung eine genügende Einnahme nicht erzielen kann, einen namhaften Zuschuss in dem Sinne der Regierungs-Forderung zu gewähren.“ (AA 415
Am 29. August 1912 „TOP 4: (Schreibmaschine!) Die für den Apotheker Floret geleistete Bürgschafts-Urkunde des Prof. Franck soll diesem zur Einsichtnahme bei dem Rechtsanwalt Dr. Schneider zu Arnsberg vorgelegt werden. Auf Wunsch kann Franck (eine) Abschrift von derselben erhalten.“ - TOP 3: Der Gemeinde-Beschluss für den Landrat in Arnsberg und den Oberpräsidenten in Münster: „Die Gemeinde-Vertretung präzisiert ihren Beschluss vom 29. Juli 1912 (auch lesbar: 23. Juni) dahin, dass sie bereit ist, sofern der von dem früheren Apotheker geforderte Reinertrag der Freienohler Apotheke nicht die Höhe von 3.600 Mark erreicht, den an dieser Summe fehlenden Betrag bis zur Summe von 750 Mark zu erhöhen.“ - „TOP 4: Die zwischen Apotheker Floret geschlossene Bürgschaft mit Professor Frank soll diesem zur Einsichtnahme bei dem Rechtsanwalt Dr. Schneider ausgelegt werden. Auf Wunsch kann Frank Abschrift von derselben erhalten.“ - „TOP 11: Die Steuersache Apotheker Floret von 245,30 Mark von 1908 wurde niedergeschlagen.“ (AA 416, 415)
Am 27. September 1912 „TOP 2: Der Beschluss vom 29. August 1912 betreffend die Apotheke in Freienohl wird wie folgt ergänzt: Die Gemeinde verpflichtet sich, zu dem mit dem neuen Apotheker abzuschließenden Vertrag die Genehmigung des Herrn Regierungs-Präsidenten einzuholen.“ (AA 415, 416)
Am 18. März 1913 „TOP 1: Die Auseinandersetzungen mit dem verzogenen damaligen (umgezogenen) Apotheker Floret sind immer noch nicht geklärt. Die Gemeinde-Vertretung will mit dem Rechtsanwalt Dr. Schneider Rücksprache halten, bevor etwas unternommen wird.“
Zu dieser Auseinandersetzung „Floret / Prof. Franck“ sind aktenkundig noch diese Termine mit ihren Beratungs- und Beschluss-Punkten: 29. Juli 1913, 2. - 5. September 1913, 2. - 10. Oktober 1913, 2: „Der Apotheker Floret ist gestorben. Das gegen ihn schwebende Prozessverfahren soll gegen die Erben weitergeführt werden.“ - Wird es auch, es geht um Geld für Freienohl. - 28. November 1913, 11. - 9. Januar 1914, 1. - 31. Januar 1914, 4. - 3. April 1914, 5. - 5. Mai 1914, 9. - 17. Juni 1914, 2. 20. Juni 1914, 2. - 2. Juli 1914, 4. - 27. Juli 1914, 4. - 19. September 1914, 1: „Die Gemeinde-Vertretung hat sich mit dem vorgeschlagenen Einigungs-Vergleich einverstanden erklärt.“ - (AA 416).
Diese neue Apotheker hält durch: Apotheker Otto Duesberg
Am 3. April 1913 „TOP 5: Der Abschluss eines Vertrags mit dem Apotheker Otto Duesberg über den seitens der Gemeinde zu leistenden Zuschuss wurde vorläufig zurückgestellt.“ - Ein Grund ist nicht aktenkundig; er hängt vielleicht zusammen mit TOP 1 vom 18. März 1913.
Am 7. Juli 1913 „TOP 4: Der mit dem neuen Apotheker Duesberg abzuschließende und im Entwurf vorgelegte Vertrag wird genehmigt.“
Vom 16. Juli 1913 ist datiert der Vertrag mit dem neuen Apotheker Otto Duesberg zu Hopsten / Barkum, Kreis Tecklenburg.
Am 5. September 1913 TOP 4: In dem Vertrag mit dem Apotheker Duesberg § 2 sind unter Geschäftsunkosten zu verstehen: Miete für die zum Apotheker-Betrieb gehörenden Geschäftsräume, sowie Heizung, Reinigung und Beleuchtung derselben. Ebenfalls „Telephon- und Post-Gebühren, soweit diese zum Betrieb der Apotheke erforderlich sind.“ (AA 4115, 416)
Bald ist allen Freienohlern klar: Endlich hat Freienohl eine dauerhafte, richtige Voll-Apotheke!
Vom 31. Juli 1914 ist datiert der Name der Freienohler Apotheke:
St. Nikolaus-Apotheke.
Zu ihr folgt ein Text unten am Schluss, nach der Hirsch-Apotheke.
Daten zur St. Nikolaus-Apotheke in Freienohl hat der jetzige Herr Apotheker Hans-Dieter Schnier zusammengetragen auf www.freienohler.de.
Quellen:
Stadtarchiv Meschede: Archiv Freienohl: Akten-Nummern: 407, 411, 413, 414, 415, 416, 1735 (ohne Befund für Freienohl), 1738, 1785, 1789, 1794, 1894, 1949, 1966.
Pfarrarchiv St. Nikolaus-Pfarrei Freienohl: Nr. 2.
Unsere Hirsch-Apotheke in Freienohl
Warum ist der Hirsch der Name unserer Freienohler Hirsch-Apotheke?
Nicht gemeint ist – für Freienohler auch bekannt – ein Nachname, ein Familien-Name.
Also bleibt die Frage: Warum Hirsch?
Googeln hilft: Bestimmt über 100 Hirsch-Apotheken gibt es so in Deutschland. Die Frage bleibt. Ein paar angemailte Hirsch-Apotheken wussten auch nicht den Grund.
Und im „A“ der werbenden Informations-Leuchte „Apotheke“ ist kein Hirsch abgebildet, sondern ein bis zum Rand gefüllter Kelch mit einer elegant sich darüber windenden Schlange. Womit mag dieser Canthàrus – so heißt dieser Kelch – gefüllt sein? Mit einem heilsamen Begrüßungstrunk für die Kunden? Oder gar mit Schlangengift vermischt? Das ist schlimmer als pessimistisch gedacht. Eine eigenartige Wende bietet sich als Lösung an. Für die altgriechischen Götter und Sagen-Helden ist die Schlange das Symbol des Lebens. Genau das: Heilung und Leben garantieren ja die Apotheken.
Aber jetzt wieder die Hauptsache: Was hat der Hirsch damit zu tun?
Etwas mit der St. Nikolaus-Kirche gleich nebenan? Da heißt es doch in der Bibel des Alten Testaments im Psalm (41/42,2): „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele nach dir, Gott-Jahweh!“ Nein. Denn wohl die meisten Hirsch-Apotheken befinden sich nicht in unmittelbarer Nähe einer Kirche. Freilich, mit etwas Fantasie gibt es dieses Gedankenspiel: Der Psalm ist ursprünglich auf Hebräisch geschrieben worden. Und das hebräische Wort für Hirsch kann auch in seiner weiblichen Form übersetzt werden und meint dann die Hinde, die Hirschkuh. Die wird als besondere, als unvergleichliche Schönheit wahrgenommen, wie Hygiea, die in altgriechischen Sagen dargestellt wird als Göttin der Gesundheit (Hygiene!), die eine Tochter oder die Gattin – genau weiß man das nicht – des Aeskulap ist. Sie füttert jene Schlange. Und die bedeutet an dieser Stelle: das Leben. Wie das alles zu einander passt? Um Schönheit und Leben Bittende weihten dieser Göttin ihr Haupthaar. Und ein Sohn des Gottes Apollo war jener Aeskulap. Der wurde in der Höhle des weisen Chiron erzogen, unterrichtet in der Kräuterkunde, Heilkunde. Diesem Aeskulap, dem Symbol des Lebens und der Schönheit, waren heilig die Hähne (auch auf der Freienohler Kirchturmspitze gibt ein Hahn die Richtung an!), die Nachteulen und die Schlangen.
Und hier erscheint auch der Hirsch wieder! Denn der Hirsch gilt als „das edelste und schönste unter allen Vierfüßigen“. Der Hirsch ist etwas ganz Besonderes: „Der Hirsch hat Wildbret, kein Fleisch!“ Mit diesem Zitierten folgen schon Informationen aus dem 1773 begonnenen Lexikon „Oekonomische Encyklopädie von Dr. Johann Georg Krünitz“; dieses Werk endet 1858 mit 242 Bänden: (das etwas ältere Deutsch wurde beibehalten, aber die heutige Rechtschreibung benutzt). Nur eine kleine Auswahl: „Hirsch-Wurz: eine Pflanze, welche auf den Bergen wächst und mit welcher sich der Hirsch, wenn er verwundet ist,, reibt, heilen will.“ Hirsch und Heil „gehören“ zusammen. „Die Hirsch-Tränen oder Hirsch-Zähren werden oft sehr teuer verkauft (1773!), weil sie als eine Herz stärkende , Schweiß treibende und allen giftigen und pestilenzinischen Seuchen widerstehende Arznei, insonderheit auch wider die Epilepsie hochgehalten (ist)... Es pflegt aber damit viel Betrug vorzugehen... Flüchtiges Hirschhornsalz, welches man bei hysterischen Krankheiten verwendet... Wenn man geschmolzenes Hirschmark, so warm man es leiden kann, auf gelähmte Glieder legt, werden dieselben wieder geschmeidig... In Japan sind (1773!) die Hirsche größtenteils ein Gegenstand der Verehrung und man erbaut ihnen Tempel und Altäre,... dass niemand bei Verlust seiner Güter und seines Lebens wagen darf, ihnen Leides zu tun, oder wohl gar eines dieser Tiere zu töten!...“
Die Fortsetzung aus dem Kruenitz-Online-Lexikon folgt hier allerdings nicht die ist sehr spannend, aber auch sehr grausam.
Nun: mit diesen sagenhaften und nicht sagenhaften Erfahrungen kann die Frage zufrieden stellend beantwortet sein, warum der Hirsch das Kennzeichen, das Merkmal, ja der Beweis auch unserer Hirsch-Apotheke ist. Und gerade Sauerländer wissen, auch wenn sie nicht zur achtbaren Zunft der Jäger gehören, was für ein edles und kostbares Tier der Hirsch ist. Dabei wird heutzutage jedem Kunden gewiss mehr gereicht als der Canthàrus, jener Kelch, gefüllt mit dem Lebenssaft der Göttin Hygiea.
Ein unerwartetes Anhängsel: Indianern zeichnet der Hirsch aus Sanftmut und Dankbarkeit.
Die faszinierend geheimnisvolle Nikolaus-Figur
in der Freienohler St. Nikolaus-Apotheke
Für kitschig halten manche die Nikolaus-Figur, weil sie zwischen dem 19. und 20 Jahrhundert entstanden ist, im für manche rührseligen Nazarener-Stil und aus Gips. Also abhaken? Nein. Das Gegenteil: genau hinschauen!
Der Bischof ohne Bischofsstab. Dafür mit Brotschieber zum Backofen. Oder Schafschaufel?
Im Arm hält Nikolaus die Bibel, ganz waagerecht: die aus der Legende bekannten 3 goldenen Kugeln rollen nicht herunter. Doch es sind keine Kugeln, es sind 3 Äpfel, - auch aus Gold.
Wer gern mit googelt: 4 mal:
1.) Nein, so nicht. Doch der Brotschieber ist schon bemerkenswert. Denn auch die Bäcker haben den Hl. Nikolaus zu ihrem Patron erklärt.
2.) Dann „Rudolf Schiestl: Pfeife rauchender Schäfer in Alpenlandschaft“ oder: .. Rudolf Schiestl... Da ist die Schafschaufel. Nur ein Wanderstab? Wozu die Schaufel? Für den Hl. Nikolaus gehört sich doch etwas viel Schöneres! Die kunstvollen Schwingungen eines Bischofsstabs!
3.) Warum 3 Äpfel und nicht die aus der Legende bekannten 3 Goldkugeln? Das Märchen aus 1000 und 1 Nacht von den 3 Äpfeln hilft nicht weiter: ... Geschichte-der-drei-Äpfel. Diese 3 Äpfel können nicht gemeint sein. Auch nicht „Die drei Äpfel des großen Gottes“:
4.) Weil die 3 Äpfel ja zu einem „Apotheken-Nikolaus“ gehören, können diese bei Google „Hypertonie-News“ eine Lösung sein: „3 Äpfel am Tag können Herztod-Risiko reduzieren“. Aber ob sich der Künstler damals das dabei gedacht hat? Vielleicht hilft weiter als tragfähige Grundlage für die 3 Äpfel in der Hand des Hl. Nikolaus die Bibel: Gottes Wort in Menschen Wort und für Menschen.
Eine Zusammenfassung und einen Durchblick mit einer wohl wirklichen Wahr-Nehmung bietet die Legende mit den 3 Goldkugeln: Wenn jene 3 jungen Mädchen diese Hilfe nicht bekommen hätten, dann wäre ihnen wegen ihrer ärmlichen familiären Situation gerade in dieser ihrer Heimatstadt zum Lebensunterhalt nur die Prostitution übrig geblieben. Und jetzt erinnere man sich an die biblische Grundlage, an die Verkündigungs-Geschichte von Adam und Eva! Jetzt besitzt jedes junge Mädchen mit dem goldenen Apfel einen Schatz, um sich ihren einen „Adam-Schatz“ zu wählen!
Und statt des Bischofsstabs die Schafschaufel? Ihre Funktion: wenn ein Schaf auf seinem Weg mit der Herde mal stehen bleibt und vor sich hin träumt, oder wenn es sich von der Herde entfernen will, dann nimmt der Hirte etwas Erde, etwas „Bodenständiges“ auf seine Schaufel und wirft das in Kopfes Nähe. Das Schaf weiß wieder Bescheid. Vielleicht nicht ganz behaglich für heutige Basis-Christen. Aber die Nikolaus-Figur in der Freienohler St. Nikolaus-Apotheke ist ja auch schon über 100 Jahre alt! Und das Pökelfass mit den drei Studenten zu Füßen des Hl. Nikolaus fehlt nicht.
Heinrich Pasternak, 29 Seiten