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Prozessionen in Freienohl
von 1537 – 1686 – 1895 … 2000… zur Corona-Bremse… und weiter mit viel Histgorie und Geschichte zum Gottesdienst von Freienohlern
Für manche sehen sie aus oder sind sie wie eine fromme Wanderung oder wie eine klerikal-narzisstische Auszeichnung.
Einleitende Augen-Blicke, Sichtweisen
im April, Mai, Juni 2022 während der Corona-Bremse und dieses aktuellen Schlagworts in der Tagespresse und gewichtiger Printmedien über „Die religionsvergessene Gesellschaft“:
Ein Beispiel, nicht aus den Medien, sondern authentisch vom Autor H.P.: Vom jetzigen Alltagsgruß „Hallo“ zum Gebetsgruß der Juden „Halleluja“: Heutzutage grüßen Jugendliche und Erwachsene, kleine Kinder und ganz Alte freundlich oder „einfach so“ mit Hallo. Manchmal hört man das ernst klingende „Aber Hallo“. – 1945, zum Ende des Zweiten Weltkriegs zogen durch Franken-Dörfer die siegreichen amerikanischen Soldaten mit Hallo und Handschlag und für die Kinder mit einem Kaugummi. So erlebt vom evakuierten Hamburger Jungen. – Das Hallo verbreitete sich in ganz Deutschland und weiter in Europa. – Deutlich vor der Entdeckung Amerikas 1492 oder 1507 zwischen 900 u d 70 nach Christus kam nordeuropäische Missionare, auch Iro-Schottische Mönche nach Nordamerika. Sie merkten gegenüber den Indianern, dass sie keine gemeinsame Sprache haben. Als ihre Zeichen des Friedens hoben sie ihre Arme in die Höhe zum Himmel, üffneten ihre Hände und riefen oder sangen lauthals und öfters: Halleluja! Das letzte, höchste Wort der Psalmen im Alten Testament: Elohim! Gelobt sei Gott, der Herr! – Religion durch und durch, gemeinsam „mit unseren Ersten Schwestern und Brüdern“, den Juden. – Religion vergessen? Hallo kann auch Halleluja meinen!
Einfühlende Informationen zum Wort-Gebrauch: Prozession
Prozessionen sind keine Protestationen, keine Protest-Aktionen, keine Schweigemärsche… - Prozessionen: aus dem Lateinischen: procedere (erstes „e“ betonen): für…gehen, vorangehen, für Gott gehen, für / mit Jesus Christus in der Heiligen Eucharistie in der Monstranz (dem Zeige-Schmuck aus Gold und Silber und kostbar alt) … überhaupt vorangehen… - Aus unserer Kirche heraus, aus unserer St. Nikolaus-Kirche hinaus: draußen stehen bereit fie Fahnenträger mit den Kirchen-Fahnen und ihren Vereins-Fahnen, die Ministranten und Ministrantinnen: Kreuzträger, Flambeau-Träger (die Kerzen-Leuchter sind in der Kirche beiseitegestellt). Die Hände werden zusammengelegt als eine Einheit, gefaltet; Daumen und Finger sind überKREUZt, so halten sie zusammen, bilden eine Einheit; oder die beiden Daumen überKREUZen sich und die Finger halten sich zusammen, strecken sich in die Höhe, weisen zum HIMMEL; christliche Religion. Nun folgen – manchmal 4 – Ministranten, jeder mit einer Schelle; sie schellen – als eine Art Achtungszeichen – beim Segen mit der Heiligen Eucharistie an einer Prozessions-Station. Dabei beweihräuchern die Weihrauch-Ministranten das Allerheiligste. Der Duft lässt eine neue Welt einatmen. – Die Prozession geht weiter, von Station zu Station. Den kostbaren Baldachin tragen vier starke Gemeinde-Mitglieder – zum Schutz und zum Schmuck… Dann wieder hinein in unsere Kirche… Mehr als symbolisch
Nach diesen Grund-Informationen vom April, Mai, Juni 2022 zur „religionsvergessenen Gesellschaft“ nun zu den historischen Daten und den geschichtlichen Deutungen im Laufe der Jahre.
Ein Vorspann, weil es um mehr geht als um Jahreszahlen.
Wiederholungen nicht aus Langeweile, sondern so: wieder Holungen, nämlich Prozessionen.
Solche Wiederholungen sind kein albernes Getue, sind kein dummes Zeug. Dieses Wieder-Holen ist eine eigenartige Leistung. Eine Leistung des Glaubens und der Vernunft. Menschen holen sich etwas wieder, mit dem sie gute Erfahrung gemacht haben. Darauf setzen sie. Sie glauben daran. Sie haben sich dafür entschieden. Sie haben unterschieden. Mit Hilfe ihres Wissens und Verstandes. Das ist vernünftig.
Und was holen sie wieder bei Prozessionen? Jahr für Jahr. Vor allem bei Prozessionen mit dem „Allerheiligsten“, mit der Eucharistie-Feier?
Hier die Gründe in aller Kürze: Aus dem Neuen Testament von den Evangelisten Matthäus, Markus. Lukas, Johannes und vom Apostel Paulus: „Während des Mahls nahm Jesus…, sprach den Lobpreis,… das Dankgebet… Tut dies…Das bin ich, und ich bin für euch da… Genauso sollt ihr zur Erinnerung an mich das Mahl halten!... Auch ihr werdet Zeugnis ablegen, … damit ihr eins mit mir seid!“
Noch mehr Vorspann:
Gemeint sind diese Prozessionen: die Fronleichnamsprozession, die Urbanusprozession, und die Küppelprozession. - Seit 1960, - dort steht Genaueres -, gehören zwar die Fronleichnamsprozession und die Urbanusprozession zusammen. Aber weil der Namenspatron Urban etwas mit dem Plastenberg zu tun hat und weil dort das Noeke-Kreuz eine Station der Küppelprozession ist, sollte die Zuordnung zur Fronleichnamsprozession nicht ganz so streng gesehen werden.
Freilich: welcher Urban ist gemeint?
Vor fast 500 Jahren, am 25. Mai 1537, feierten unsere Vorfahren die wohl erste Urbanus-Prozession. Welcher Urban ist gemeint? Denn es gibt mehrere Hochangesehene dieses Namens. Unter ihnen zwei Heilige und für so eine traditionsreiche Prozession dürfte ein anerkannter Heiliger schon der rechte Patron sein.
Der erste Hl. Urban war Bischof von Langres in Frankreich, gestorben 576; sein ihm schon mal zugeschriebenes Patronat für gutes Wetter und eine gute Weinernte wurde schon im 11. Jahrhundert ziemlich eindeutig bestritten. Und sein Gedenktag ist der 2. April.
Der zweite Hl. Urban ist unser Patron, Papst Urban I., sein Pontifikat 222 – 230. Vor allem: sein Fest am 25. Mai. War sein Festtag an einem Werktag, dann hielt man verabredungsgemäß seine Prozession am Dreifaltigkeitsfest, am Sonntag nach Pfingsten. Dieser Papst Urban I. ist der Patron der Winzer (abgebildet wird er mit Traube oder Weinstock, an seinem Festtag endet auch die Weingartenbestellung) und er gilt vor allem als der Beschützer vor Unwetter. Denn Unwetter waren für die Freienohler Ackermänner (das gewichtigere Wort „Bauern“ passt nicht ganz so zu den Freienohlern) und ihre Familien eine ganz schreckliche Katastrophe. Und vom Plastenberg mit seinem Pläster-Regen kam meist das Unwetter oder hielt vor ihm an, Das Noeke-reuz hat auch damit zu tun, siehe weiter unten. - Seit 1848 zieht freilich die ausdrückliche Urbanusprozession über die Bergmecke und Urbanusstraße. Und seit 1960 hat unsere Gemeinde die Urbanusprozession mit der Fronleichnamsprozession zusammengelegt; die Termine sind ja auch oft dicht beieinander.
Noch ein Urban kann etwas mit unserer Gemeinde, mit unserer Urbanusprozession zu tun haben: 1537 hatten fromme Leute aus Freienohl dem Pastor die wohl erste Monstranz geschenkt; das war noch zur Zeit unserer ganz alten Kirche. Dieses Geschenk kann in Verbindung stehen mit Papst Urban IV. (Pontifikat 1261 – 1264). Der hatte nämlich noch 2 Monate vor seinem Tod das Fronleichnamsfest für die ganze Kirche eingeführt. Seit 1277 gibt es im kurfürstlichen Erzbistum Köln, wozu Freienohl damals gehörte, die Prozession zum Fronleichnamsfest. Und mit der neuen Monstranz waren die Urbanusprozession und die Fronleichnamsprozession sicher auch eine stolze Feier – auch heute noch, wenn es die Urbanusstraße hinuntergeht zur Pöttgen-Station und die Fahnen unseres Kirchturms Singen und Beten verstärken.
Und es könnte noch einen vierten Urban geben: Papst Urban II. (Pontifikat 1088 – 1099) Der hatte 1087 für den 9. Mai (also in der Nähe zum 25. Mai) das Fest „Translatio Sti. Nicolai“ eingeführt: die Übertragung der Gebeine des Hl. Nikolaus. Dies war ein kirchengeschichtlich und liturgisch wichtiges Ereignis: der Metropolit Ephraim von Russland befand sich da noch in der Gemeinschaft mit der Römischen Kirche und hatte diesen Gedenktag sogar zu einem öffentlichen Feiertag für die gesamten russische Kirche eingeführt. Ein öffentliches Gebets-Gedenken an dieses Fest zu Ehren des Hl. Nikolaus könnte etwas Ökumenisches in die Wege leiten mit den zahlreichen Russland-Deutschen bei uns in Freienohl.
Inzwischen spricht nichts dagegen, die Anliegen aller Urban-Päpste ausdrücklich mit zum Prozessionsgebet werden zu lassen.
Das Noeke-Kreuz gehört zur ursprünglichen Urbanusprozession, oder für die Jetztzeit: zur Küppelprozession.
Im Frühjahr 2009: Das Noeke-Kreuz war verschwunden
Die an dieser Stelle sicher viel zu hoch gewachsenen Bäume mussten wohl mit Recht gefällt werden. Nicht mit Bedacht geriet das Noeke-Kreuz zur fast es vernichtenden Ablage nahezu völlig eingeschneit unter winterlichem hohen Unkraut und im regennassen Graben. Die stummen Fotos scheinen immer lauthals zu stöhnen. Eiskalte Zeugen. Nachbarn auch mit Gefühl und Gespür für Freienohler religiöses Brauchtum haben erste informative Hilfe geleistet. Das Noeke-Kreuz ist gerettet. Zur Küppel-Prozession werden die sichtbaren Wunden geheilt sein. Auch mit finanziellen Leistungen.
Warum heißt dieses Prozessions-Station Noeke-Kreuz?
Das ist noch leicht zu beantworten: Seit weit über 100 Jahren kümmert sich die Freienohler Familie Noeke um dieses Kreuz. Laut ihrer Familientradition seit 1895. Immer, das ganze Jahr über wird es sauber gehalten: denn das Kreuz ist das für Christen so ziemlich alles entscheidende Zeichen und Symbol. Zur alljährlichen Küppel-Prozession ist es das dritte von vier Prozessionskreuzen: mit Altartisch und weißem Altartuch für die Monstranz mit dem Allerheiligsten, mit Blumen drumherum und sechs Kerzen. Denn die Sechs ist die Symbol-Zahl des Welt-Alls, der 6 Schöpfungstage aus dem alttestamentlichen Schöpfungslied, der 6 Flügel der Seraphim-Engel, der 6 Krüge beim Hochzeitsmahl in Kana. Für die 10 Minuten „Prozessionspause“: für Beten, Singen und Segen in alle vier Himmelsrichtungen.
Genau so selbstverständlich kümmern sich andere Freienohler Familien um die anderen Prozessionsaltäre mit ihrem Kreuz.
Woher kommt aber dieses Kreuz gerade an diese Stelle?
Für Historiker exakte Nachweise gibt es z.Zt. nicht. Für religiöses Brauchtum aufgeschlossene Freienohler gibt es glücklicherweise überzeugende Hinweise und Schlussfolgerungen:
Zum 2. Juli 1686, zum Kirchenfest Mariä Heimsuchung gelobte – das ist eine nahezu eidesstattliche Erklärung für alle Zeiten – die St. Nikolaus-Pfarrgemeinde, die damals als identisch galt mit der politischen Gemeinde, eine Prozession mit dem „Allerheiligsten“, mit der Hl. Eucharistie in der Monstranz „zum Kreuz am Plastenberg zur Bewahrung der Feldfrüchte vor Schaden“. Am Fest „Mariä Heimsuchung“: gefeiert wird dies: Maria zog sich während ihrer Schwangerschaft mit Jesus nicht in ihr Zuhause zurück, sondern ging zur Hilfe von Mutter zu Mutter zu ihrer Verwandten Elisabeth, die ihren Johannes schon etwas länger unter ihrem Herzen trug. Ähnlich ziehen die Freienohl mit Jesus Christus durch ihren Lebensraum, von Haus zu Haus, durch Feld, Wiesen und Wald. So steht es in einem Kirchenbuch der St. Nikolaus-Pfarrei, „damit Gott – Jesus Christus - auf die Fürbitte seiner heiligsten Mutter von Äckern und Wiesen und von der ganzen Freiheit Blitz und Donner, Unwetter und alles Ungemach abkehren möge“.
1686 gab es die Plastenberg-Kapelle noch nicht. Die ließ Christina Margaretha von Wesseler, Witwe von Schade, Frau von Bockum, erst 1731 errichten. Zwar baute diese Edle am 18. Juli 1696 schon eine Kapelle zu Ehren der Mutter Gottes und zu ihrem eigenen Seelenheil, für Wohlhabende, Begüterte auch damals ein religiöser Brauch. Aber diese Kapelle auf Gut Bockum muss noch nicht die jetzige Plastenberg-Kapelle gewesen sein; und wenn schon, dann gab es die Küppelprozession schon seit 10 Jahren. Und die ging „zum Kreuz“, zu lesen in jenem Kirchenbuch. Die Prozession ging von der Pfarrkirche, durch den „Hügel“, über die Langelsbrücke (damals mit „s“ geschrieben) auf dem unteren Küppelweg, der damals noch tiefer lag als der jetzige „Untere Küppelweg“, „zum Kreuz“ auf den Plastenberg, über die Ruhrbrücke, den Breiten Weg zu Schweiers Kreuz, auf dem jetzigen Marktplatz, da wo sich vor einigen Jahren noch der Bauernhof
Flinkerbusch befand, und dann ging´s zum großen „Te Deum – Großer Gott wir loben Dich“ beim Läuten aller Glocken in die Kirche. - Also: der jetzige Untere Küppelweg wurde erst 1890 – 1894 angelegt.
Noch einmal: Warum das Kreuz gerade an dieser hoch gelegenen Stelle auf dem Plastenberg? Nicht wegen der schönen Aussicht bei noch schönerem Wetter. Sondern wegen der für das Leben notwendigen Wiesen-und Ackerwirtschaft nach unten ins Ruhrtal am Knäppchen, nach Süden über die alte Arnsberg-Beverungener Landstraße zur Bettenhelle, und nach Osten in die Wennemer Mark; da, wo z.B. im Jahr 1812 an die 30 Freienohler 25 Hufe für ihre Holz-, Wiesen- und Ackerwirtschaft besaßen. Der geglaubte und erbetete Segen Gottes war schon Not wendend. Erinnert sei an den die gesamte Ernte zerstörenden Hagelschlag von 1853, einschließlich des Saatguts für die nächste Ernte. Plötzlich eingebrochene Armut in viele Freienohler Familien. Sogar aus den nüchternen Protokoll-Akten der Freienohler Gemeinde-Verordneten heraus zu hören.
Der in Freienohl hoch geschätzte Lehrer Franz Kroh (+1965) weiß in seiner Chronik: Das Jahr 1890, zum 6. Juli: „Das Prozessionskreuz wurde... von der Kapelle an den Hohlweg und 1895 an die jetzige Stelle versetzt.“ Dabei war das religiöse Glauben für die meisten Freienohler gewiss nicht schwächer geworden. Doch der Prozessionsweg war einfach zu lang. Pfarrer Julius Falter schreibt in seiner Chronik (jeder Pfarrer muss eine Chronik anfertigen), dass er die Prozession „mit dem Kreuz“ auf die jetzige (2009) Strecke verlegt hat, unterhalb des Knäppchen. Damit lässt sich folgern: das Kreuz vom Plastenberg wird mit nach unten genommen.
Da war es noch nicht das Noeke-Kreuz sondern das Sasse-Kreuz (wenngleich diese Wort-Kombination in den Quellen-Texten nicht vorkommt). Die Familie Joseph Noeke hat erst 1895 das Kreuz übernommen und die Pflege mit allem Drum und Dran ehrenamtlichen religiösen Brauchtums.
Über die Familie Sasse steht in einer Einwohnerliste des Jahres 1846: Alte Haus-Nr. 23, Flur I Parzelle 915: Heinrich Sasse, Schreiner, 47 Jahre, verheiratet mit Dorothea Sasse geb. Spieler, 40 Jahre; Engelhard Spieler, Leineweber, Bruder von Dorothea, 25 Jahre; Anna Maria Köster, Magd, 20 Jahre; eigene Kinder sind – wie sonst in dieser Liste – nicht eingetragen. In dieser Liste steht der Name Noeke nicht. - Heinrich Sasse war Jahre lang Mitglied der (politischen) Gemeinde-Versammlung; von 1844 bis zum 8. April 1878; zeitweilig war er Gemeinde-Vorsteher, zeitweilig Gemeinde-Verordneter (an der Spitze stand der vom Landrat in Arnsberg eingesetzte Amtmann). Heinrich Sasse unterzeichnet 1858 - 1861 auch innerhalb der Kirchengemeinde Kirchenrechnungen des Pastors Adam. Damit gehörte er auch zum Kirchen-Vorstand (so heißt das von der Gemeinde gewählte Gremium heute). Am 7. Oktober 1876 feiert Joes Henricus (latinisiert, wie damals bei einigen Pastören in ihren Eintragungen manchmal üblich) Sasse genannt Weik mit seiner Ehefrau Maria Theodora das Fest der Goldenen Hochzeit. Trauzeugen sind dabei Franz Tönne und Franziska Höhmann. 1826 waren keine Trauzeugen eingetragen. - Diese wenigen Daten zeigen das hohe Ansehen des Heinrich Sasse und erklären die Selbstverständlichkeit der Betreuung des Prozessionskreuzes.
Franz Kroh schreibt dann in seiner Chronik: „Nach Aussterben dieser Familie Sasse übernahm 1895 die Familie Joseph Noeke...den Unterhalt des Kreuzes und den Schmuck des Prozessionskreuzes“. Da ist es: das Noeke-Kreuz. Joseph Noeke hatte am 11. Mai 1871 Dorothea Klute geheiratet; Trauzeugen waren Johann Zacharias und Franziska Schulte. Er war also schon 24 Jahre verheiratet, als er die Pflege dieses Kreuzes übernommen hatte. Zumal er sich ähnlich wie sein Vorgänger Heinrich Sasse in der Gemeinde Freienohl politisch engagiert hat: Von 1883 bis 1912 gehört Joseph Noeke zur Gemeinde-Versammlung: Gemeinde-Vorsteher war er 1884 – 1888 und 1897, Gemeinde-Verordneter in den anderen Jahren; so steht da sein Name in den Gemeinde-Protokollen. - Joseph Noeke (1901 datiert) Breiter Weg Nr. 14 = alte Haus-Nr. 112 und gegenüber Nr. 15, alte Haus-Nr. 238. - Verstorbene dieser Familie Noeke sind bestattet auf unserem Alten Friedhof: Gaudenz Noeke, verstorben 14. Juli 1843, Alter 63 Jahre, Ackerbürger, genannt Schäfer. Er hinterlässt Ehefrau Maria Wittmeister (nicht genau zu lesen), 4 großjährige Kinder und 1 minderjähriges Kind. - Anna Maria Noeke: gestorben am 19. Mai 1844, 1Jahr, 3 Monate alt (in den Sterberegistern stehen nicht immer die heute üblichen Geburtsdaten, sondern diese Zählweise), Tochter des Tagelöhners Caspar Noeke und seiner Ehefra Gertrud Höhmann. - Kind Maria Noeke, geboren 1889, gestorben 13.10.1898, bestattet 16.10.1898. - Schüler Heinrich Noeke, geb. 1887, gest. 16.3.1905, bestattet 19.3.1905. - Ehefrau Dorothea Noeke, geborene Klute, geb. 1850, gest. 27.04.1905, best. 30.4.1905. - Klara Noeke, ledig, geb. 1821, gest. 7.6.1906, best. 10.6.1906.
Diese Daten mögen andeuten, dass der Vater, Bruder und Ehemann Joseph Noeke einige ungewohnte Lebenserfahrungen gesammelt hat. Im gewissen Sinn: Bausteine für die Pflege religiösen Brauchtums, des Noeke-Kreuzes. Seine Daten: Landwirt und Auktionator Joseph Noeke, geb. 1848, gest. 29.01.1928, bestattet 1.2.1928.
Ein Einschiebsel, das manchmal brauchar ist
Die Pfarrer-Liste: Julius Falter: 1884–1902, Karl Steimann 1902–1916, Ferdinand Gerwinn 1916 – 1949, Theodor Dolle 1949 – 1960, Bernhard Hagemeyer 1960-1983, Werner Gerold 1983 – 2000, Michael Hammerschmidt ab 2000.
Die Quellen dieses gesamten Textes sind vor allem das Pfarrarchiv der St. Nikolaus-Pfarrei Freienohl A 9, A 29, Pfarrer-Chroniken von Pfarrer Falter bis Pfarrer Gerold; „Pfarrnachrichten“, das Erzbischöfliche Archiv Paderborn (EBAP), im Amtshaus Freienohl aus dem Stadtarchiv Meschede aus dem Amtsarchiv Freienohl Akte 1140 (hier vor allem die an Pfarrer Ferdinand Gerwinn – und damit auch an die Pfarrei – gerichteten Briefe während der NS-Zeit); die beiden Broschüren von Ludwig Schwefer (mit Gruppen von Firmlingen und ihren erwachsenen Begleitern) „Kirchen, Kapellen, christliche Zeichen in der St. Nikolaus-Gemeinde Freienohl“ (1979) und „Haus- und Wegekreuze aus alter und neuer Zeit in der St. Nikolaus-Gemeinde zu Freienohl und Olpe“ (1991) und mit großer Dankbarkeit die Auskünfte älterer Freienohler Bürgerinnen und Bürger.
Zumeist sind die Zitate kursiv geschrieben.
Nun unsere Prozessionen im Ablauf der Jahre
Zunächst noch kurz vor dem 20. Jahrhundert:
Eine kleine Fundstelle in den „Protokoll-Büchern“ der politischen Gemeine Freienohl: 1893, 4. Dezember, TOP 7 d: „Im Betreff der Weidefläche am Stückelhahn wurde noch bemerkt, dass dort selbst sich ein Kreuzweg befindet, den nach der Observanz der Eingesessenen des Orts sie prozessionsweise hier begehen dürfen und daher die Aufforstung unmöglich ist.“ Die Mitglieder der Gemeinde-Versammlung im Jahr 1893: Amtmann Enser, Gemeinde-Verordnete: Bauunternehmer Caspar Kehsler, Landwirt und Auktionator Joseph Noeke, Bauunternehmer Johann Düring, Wirt Johann Kerstholt, Schneidermeister Arnold Schroeder, Caspar Weber, Siepe, Amts-Verordneter Maurermeister Franz Göckeler. – Das Kreuzweg-Beten draußen ist ja auch eine Prozession; Bergmecke-Kreuzweg von und mit Pfarrer Werner Gerold.
1898: Urbanus-Prozession: Pfarrer Falter berichtet: Bei der diesjährigen Urbanus-Prozession hat zum ersten Mal der vor einem Jahr gegründete kirchliche Posaunenchor, welcher aus 18 Personen besteht, mitgewirkt und sofort sehr glücklich debütiert. Derselbe ist auf Veranlassung des Pfarrers Falter durch den sehr rührigen Communal-Förster Ganczarsky ins Leben gerufen worden und (er) hat keine Mühe und Ausgabe gescheut, weshalb das schöne Resultat erzielt wurde. Zur Erstattung für die Anschaffung der Instrumente anfänglich ausgegebenen 425 Mark soll bis auf Widerruf bei den Prozessionen und bei den einige Male im Vereinshaus zu gebenden Konzerten für die Mitglieder gesammelt werden.
Unsere Prozessionen im 20. Jahrhundert
1902 – 1916: Pfarrer Karl Steimann: in seiner Chronik findet sich kein Bericht, aber in seiner „Agende“; das ist eine Art Fragebogen aus dem Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn über das, was – aus der Sicht des Pfarrers – in seiner Gemeinde „getan“ wird (lateinisch: Agende); leider ohne Jahresangabe. Nr. 7: Prozessionen. Wie werden die kirchlich vorgeschriebenen Prozessionen gehalten? Es gibt drei althergebrachte Prozessionen, auf dem Sonntag nach Urbanus (Mai), auf Frohnleichnam (noch mit „h“ geschrieben) oder innerhalb der Oktav (4 Tage vor und 4 Tage nach dem Fest) und auf Mariä Heimsuchung (5. Juli) oder innerhalb der Oklav (gemeint ist die Küppelprozession) Alle drei Prozessionen sind theophorische („das Allerheilgste“ – die konsekrierte Hostie – wird in der Monstranz mitgetragen) mit Predigt. Auf Frohnleichnam wird die Predigt in der Kirche gehalten (bei Urbanusprozession und Küppelprozession wohl an einer Station). – Welcher Weg wird eingeschlagen? Der althergebrachte, welcher Jedermann bekannt und dessen Angabe hier zu weitläufig ist. Wie ist für die Errichtung der Altäre am Frohnleichnamstag gesorgt? Durch die Fürsorge der Familien (die durch die Jahre die Altarpflege übernommen haben). Der Pfarrer hat sich um nichts zu kümmern. Besondere Bemerkungen über die Prozessionen? Keine Angaben.
Die üblichen Wegstrecken und Stationen aufgelistet
Änderungen sind auch in den betreffenden Jahren angegeben.
Die Fronleichnamsprozession: Kirche – 1. Familie Trompetter / Bergstraße; inzwischen Schwei(h)ers Kreuz (Bauernhof Flinkerbusch) / Marktplatz - 2. Mesters Kreuz /Rotbusch, inzwischen Storms Kreuz / Stückelhahn - Krummestraße - 3. Röthers Kreuz am alten Küsterhaus / „Gardinen-Schwefer“ - inzwischen Bergmecke – Neckers (Necker-Siepes) Kreuz - Urbanusstraße (früher Kump) - über die Hauptstraße: 4. Feldmanns Kreuz / Am Hügel - inzwischen: Alfons Pöttgen / Alter Weg - Hauptstraße - Kirche.
Die Urbanusprozession: Kirche - 1. Schweiers (die gegenwärtige Rechtschreibung) Kreuz / Marktplatz - Bergstraße - 2. Storms Kreuz am Stückelhahn - Bergmecke - 3. Neckers Kreuz - Urbanusstraße - 4. Alfons Pöttgen / Alter Weg - Hauptstraße - Kirche.
Seit 1970 sind die Fronleichnams- und Urbanus-Prozession zusammengelegt.
Die Küppelprozession; bei ihr gab es unterschiedliche Weg-Längen und Abschlüsse: Kirche - 1. Feldmanns Kreuz / Am Hügel - Langelbrücke - 2 Küppelkapelle - Unterer Küppelweg - 3. Noekes Kreuz - Bahnhofstraße - Ruhrbrücke - Breiter Weg - 4. Schweiers Kreuz / Marktplatz - Kirche. – Es gab auch diesen Verlauf: Kirche – Twiete - zur Küppelkapelle mit Hl. Messe und direkt zurück zur Kirche und auch nicht, also mit dem Abschluss an der Küppelkapelle.
Bei den Wegstrecken lohnt sich zwischendurch immer ein Blick in www.freienohler.de zu den alten und jüngeren Ansichtskarten und Straßenplänen von Freienohl!
Zur Geschichte der gegenwärtigen Stationen unserer Freienohler Prozessionen
sie zeigt deutlich das Freienohler Zusammenleben (Textfassung 2007)
Es lebe der Vor-Gang! So lautet für unsere Gemeinde alte Weisheit.
Wem das zu gekünstelt klingt: Die Dinge, die Vorgänge, die unsere Vorgänger „in die Gänge gebracht“ haben, sollen weiter leben, dürfen nicht vergessen, nicht entsorgt werden.
Schon längst hat das geschrieben der große Bischof Eusebius von Cäsarea (Kaisareia) in seiner Geschichte der Kirche (1,1-2) um 320: „Ich habe mich entschlossen, zu berichten über die Person, die Zahl und die Zeit derer, welche sich aus Neuerungssucht zu den schlimmsten Irrtümern hinreißen ließen, um sich dann als Führer zu einer Weisheit auszugeben, welche keine Weisheit ist.“ Dieses Zitat hat übrigens Papst Benedikt XVI. vor kurzem in seiner Generalaudienz am 13. Juni 2007 gebracht.
Wer mehr Johann Wolfgang Goethes „Faust“ schätzt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Selbstverständlich meint Goethe damit nicht den Erwerb mittels Geld.
Die hier vorgelegten Texte stammen größtenteils aus den genannten Familien, von den bekannten Freienohlern Heimatforschern Franz Kroh, Ludwig Schwefer, Kunigunde Schminke, Willi Staudinger, Erwin Altenwerth, Ludwig Böhner, Dr. Manfred Wolf, Archivarin Ursula Jung und manchen „Zulieferern“: Hermann Storm, Elsa Feldmann.
Ihre Arbeiten und Beiträge stehen hier und da. Sie sollen aber auch mit Hilfe dieser Textfassung nicht verloren gehen und wenigstens mit dieser kleinen Anmerkung wieder auftauchen. Diese Textfassung bemüht sich, die Daten und Erfahrungen der Gegenwart (bis Juli 2007) mit einzubringen. Ein Sammelwerk.
Auf jeden Fall muss noch ganz, ganz großer Dank festgehalten werden: Im Laufe der Jahre, oft vieler, vieler Jahre, schon mal über 100 Jahre haben die Betreuer der Stationen, ihre Familien, Freunde, Nachbarn, Förderkreise manches Geld gesteckt in die Gestaltung, Ausstattung, in den Erhalt ihrer Station, besser: ihres Prozessionsaltars, - auch zur Ehre Gottes, sagte, sagt man ehrlichen Herzens; und nicht nur, um bei der Prozessionsgemeinde einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und dieses Geld kam und kommt nicht aus dem Säckel der Pfarrei oder des Pfarrers.
Diese Dankbarkeit möge sich auch darin zeigen, dass die Stationen hier im Text den Namen ihrer Betreuer, ihrer Betreuer-Familie tragen und dann den Ortsnamen; das ist auch nichts Neues. Wie nahezu immer: es gibt Ausnahmen, zwei: die Küppelkapelle und Schweiers Kreuz; beides ist inzwischen historisch bedingt.
Die Stationen
1. Schweiers Kreuz auf dem Marktplatz
Die Station wird betreut von Bernward Nelle.
Auch diese Schreibweise kam vor: Schweiher (mit „h“). Üblich ist jetzt: Schweier.
Woher kommt der Name Schweier? Und was hat dieser Name mit dem Marktplatz zu tun?
Der Freienohler Bauer Albert Flinkerbusch besaß bis 1953/54 seinen Hof auf dem jetzigen 1956 eingerichteten Marktplatz. Von hier siedelte er aus auf die Domäne Bockum. Zu seinem Hof gehört seit alters her ein Kreuz: Schweiers Kreuz. So lautete auch der Beiname dieser Familie Flinkerbusch „Schweier“. Albert Flinkerbusch hat bei seiner Umsiedlung dem Freienohler Pfarrer Theodor Dolle eindringlich mitgeteilt, dieses Schweiers Kreuz dürfe die politische Gemeinde nicht beseitigen oder ohne Einverständnis der Kirchengemeinde dürfe das Kreuz keinen anderen Platz erhalten. Pfarrer Dolle fügte in seiner Pfarrchronik hinzu: „Ob man sich darum kümmern wird?“ „Eigentlich“ ganz selbstverständlich.
1636. Die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Zwei Jahre vorher hatten „durchziehende“ mit den Schweden verbündete hessische Landsknechte aus der Freienohler Kirche wertvolle liturgische Geräte geraubt, auch einen silbernen Kelch. Im Freienohler Rentenregister – angelegt 1633 – steht: „Anno 1636 Herman von Schwerte ein langgewesener keyserlicher Soldat der Kirche for eine beute zur ablution der communicanten einen silbernen verguldenen becher verehrt. gott gebe belohnungh.“ Eingeschoben sei die Bedeutung eines solchen Bechers: Unter „ablution“ verstand man die Reinigung des Mundes auch derjenigen, die zur Kommunion gegangen waren, durch einen Schluck nicht konsekrierten Weines, damit mögliche Reststücke der Hl. Hostie mit hinuntergeschluckt werden. Dieser Ablutions-Wein, ein kleiner Schluck davon, wurde nicht aus einem Mess-Kelch zu sich genommen, um eben keine irrigen Auffassungen zur Verwechslung aufkommen zu lassen, sondern er wurde aus einem anders geformten Becher gereicht. Eine im 16. / 17. Jahrhundert gängige Praxis besonders an den „großen Kommuniontagen“, so an Ostern üblich.
Dieser Soldat hat sich in Freienohl niedergelassen und ist zum Stammvater der Familie Schwert (Schreibweise 1685) geworden. Andere Schreibweisen kommen vor: Schwerdt, Schwerth, Schwehert (1781), Das Wort „von“ kann die Herkunft aus adliger Familie bedeuten; später taucht es nicht mehr auf. Die adlige Herkunft ist freilich unwahrscheinlich bei einem Soldaten. Das Wort „von“ macht eher auf den Herkunftsort aufmerksam: aus Schwerte. Nach einer Kirchenrechnung von 1642 handelte Hermann von Schwerte damals mit Bier. Gelegentlich (1652) brachte er auch Steine zur Kirche, für eine Mauer an der Kirche. Diese Familie Schwerte / Schweiert / Schweier wird – wie allgemein üblich - ein „Familien-Kreuz“ besessen haben, „Schweiers Kreuz“. In der Freienohler „Rauchschätzung“ vom 10. Juli 1664 ist Johannes Schwerte mit einer Feuerstätte, mit einem Haus aufgelistet. Knapp 100 Jahre später, 1759, ist einer seiner Nachkommen bekannt: Heinrich Schwer „Ackermann, mit seiner Frau, 2 Pferden, Tochter und Mann, Sohn, Mädchen, Diedrich 8 Jahre“ und vor allem „Kämmerer“ (in heutiger Sicht: Ratsherr). Auf dem ehemaligen Grundstück Schweiers steht jetzt (2007) das Modehaus Humpert – Adams, der rechte Teil – zur Twiete hin. Ältere Freienohler und Zeitungsberichte von 1954 wissen an dieser Stelle von der Konditorei Korte.
Im selben Jahr, 1759, ist ähnlich bekannt die Familie Flinkerbusch: Albert Flinkerbusch, „Kämmerer, Ackermann, mit 2 Pferden, seine Frau, alte Schwester, junge Eheleute, Caspar 3 Jahre, Joan 1 Jahr“.
Die Familie Flinkerbusch gab es 1664 auch schon in Freienohl, Johann Flinkerbusch; in jener Rauchschatzung wird er als „arm“ angegeben (dieser Zusatz steht bei keinem anderen).
1792 heiratete ein Franz Flinkerbusch in die Familie Schwert ein. Dessen Sohn Heinrich Flinkerbusch betrieb neben der Landwirtschaft eine Lohgerberei auf der Kaiserwiese. Ein Tagelöhner Kaspar Flinkerbusch war als Gemeiner Soldat bei den deutsch-französischen damals so genannten Befreiungskriegen von 1813 – 1815 bei Gefechten 1814 und 1815 gegen Frankreich. – Im Freienohler Gemeindeprotokoll vom 31. August 1865 stehen bei den Namen der Hufenberechtigten: Heinrich Flinkerbusch 1 Berechtigung, Kaspar Neise-Flinkerbusch 1 Berechtigung.
1876 erwarb der Hoferbe Kaspar Flinkerbusch den alten Feltmanns Hof, erbaut 1777, urkundlich erwähnt 1633 (Feltmann), 1685 (Veltman), 1781 (Feldman). Diesen Hof bewohnte vor Flinkerbusch ein Wirt und Müller aus Hirschberg oder namens Hirschberg.
Der alte Feldmans Hof trug diese Inschrift: „ICH PHILIP FELDMAN UND KLARA MEINE FRAU / HABEN ERRICHTEN LASSEN DISEN BAU / WIR HABEN DABEI SEHR OFT GEDACHT / WIE MAN IM ALTEN SPRICHWORT SAGT / WER AUF SEINEN GOTT VERTRAUT / HAT JEDER ZEITEN WOLGEBAUT / WILL NUN BEREND UND CHRISTINA AUCH GUT BAUEN / MÜSSEN SIE WIE WIR AUF GOT VERTRAUEN / ANNO 1777“.
In diesem Haus wurde 1880 der anfangs genannte Albert Flinkerbusch gen. Schweier geboren. In der Tageszeitung Westfalenpost 1954 steht: „Er und seine Frau Maria geb. Brüggemann haben das Ansehen der Familie zu wahren gewusst. 1949 traten sie von ihrem Grundbesitz einen geräumigen Platz ab für das Gemeinde-Bauvorhaben der Volkshalle“, der jetzigen Schützenhalle.
Übrigens: die Lage der Grundstücke der erwähnten Familien Schwerte/Schweier, Flinkerbusch und Feldmann/Veltman – für das Jahr 1827 – lassen sich einsehen in der Freienohler Chronik von Dr. Wolf auf den Seiten 17 – 20.
Schweiers Kreuz wird jedenfalls heutzutage in Ehren gehalten, von der politischen Gemeinde und bei den beiden Freienohler Prozessionen: als erste Station der Fronleichnamsprozession und als vierte Station der Küppelprozession.
Von Schweiers Kreuz sind 2 Fotos in dem schmalen Büchlein „Kirchen, Kapellen, christliche Zeichen in der St. Nikolaus-Gemeinde Freienohl“, das Ludwig Schwefer mit der Firmgruppe IV und ihren Firmhelfern von 1978 im Jahr 1979 herausgegeben hat. – Auch von den anderen Kreuzen und Stationen sind hier Abbildungen.
2. Storms Kreuz am Stückelhahn
Hier wird nahezu vollständig übernommen der Text und vor allem die Vorarbeit von Erwin Altenwerth, natürlich mit den Informationen der Familien Franz Storm (Jg. 1930, Bergstr. 36) und Hermann Storm (Jg. 1926, St. Nikolaus-Str. 7). Der Text steht in „Haus- und Wegekreuze aus alter und neuer Zeit in der St. Nikolaus-Gemeinde zu Freienohl und Olpe“, 1991 herausgegeben von der Firmgruppe und ihren Firmhelferinnen Antonie Kriner und Doris Weinand.
Über den Ursprung, die Entstehung von Storms Kreuz gibt es keine schriftlichen Nachweise. Die mündliche, familiäre Überlieferung freilich ist schon über hundert Jahre alt. Und seitdem ist dieses Kreuz im Besitz von Familie Storm.
1962 stand das Kreuz in einer Mauerausbuchtung vor Storms Garten am Ende der Bergstraße. Dann wurde auf dem Platz dieses Gartens das Haus Bergstraße Nr. 36 gebaut. Das Kreuz musste weichen. Es fehlte auch vier Jahre lang an der Prozessionsstation. Die bestand weiter. Der Altar wurde in der Einfahrt des Hauses errichtet und geschmückt. Das Kreuz wurde zunächst nicht wieder aufgestellt. Es gab keine geeignete beständige Stelle.
1966 fand sich die. Dank einer Einigung mit der politischen Gemeinde Freienohl. Die Bürger und Pfarrgemeindemitglieder, also auch die Familie Franz Storm und dazu gehört auch die Familie Hermann Storm, die mit Hilfe ihres Kommunikationsprozesses, - so sagt man heute -, die Einigung erzielten, praktizierten das Leitwort: Es lebe der Vor-Gang.
Der jetzige Platz (also seit 1966) ist an der Weggabelung Rietbüsche / Stückelhahn. Die Geschichte, die Tradition bietet das Plädoyer für die Reihenfolge: Familienname – Ortsbezeichnung.
Das ursprüngliche Kreuz konnte freilich seine Aufgabe nicht mehr erfüllen. So entschloss sich die Familie Franz Storm, ein neues Kreuz zu erstellen. Das Holz für die Balken erwarb Franz Storm beim damals (1966) noch bestehenden Sägewerk Schröer. Einneuer Corpus wurde ebenfalls geschaffen.
1986 wurde dann der Platz um das Kreuz herum von der extra gegründeten „Initiative Bergstraßengemeinschaft“ neugestaltet und bepflanzt, siehe www.freienohler.de.
Und 2007 hat Malermeister Hermann Storm tags zuvor unserer Fronleichnams- und Urbanusprozession „noch mal eben“ Corpus und Kreuz fachmännisch angemalt.
3. Necker / Siepes Kreuz am Bergmecke-Altar
Betreut wird dieses Kreuz schon seit einigen Jahren von Maurermeister Ludwig Böhner mit der „Straßengemeinschaft Bergmecke – Tannenweg – Obere Urbanusstraße“.
Die Familien Necker und Siepe gehören mit zu den ganz alten Familien Freienohls. Neckers stehen im Urkataster für die Jahre 1759 und 1781 mit ihrem Grundstück Auf dem Kump, wo inzwischen die Urbanusstraße ist. Neckers stehen im Kirchenbuch der Trauungen schon von 1714, weiter 1748, 1750, 1771, 1799, 1800, wohl das Jahr mit der Verbindung zur Familie Siepe. Sie selbst ist auch schon länger in Freienohl: Trauungen fanden statt 1693, 1699, 1780, 1819.
Necker/Siepes Kreuz wurde 1813 hergestellt. Eine Kurzfassung der Geschichte von der Degenspitze steht auch am Anfang des Gesamttextes.
Nach einem schlimmen Ereignis und Erlebnis noch ein dankbarer Ausgang: Die Völkerschlacht bei Leipzig war zu Ende. Vom 16. bis 19. Oktober 1813 fand die Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege statt: von 510 000 Soldaten kamen 115 000 um, - früher sagte man: fanden den Heldentod. Verbündete waren Österreich, Preussen und das Russische Reich, auf der anderen Seite Napoleon mit Frankreich; beteiligt waren noch 12 andere verschiedene Völker. Die Franzosen waren geschlagen, zogen Richtung Rhein. Hinterher russische Truppen. Alle kilometerlang. Auch durch Freienohl. Die Leute erzählten, der französische Soldat sei als Feind nicht so schlimm wie der russische Soldat als Freund. Ins Haus Siepe gen. Necker (an der St. Nikolaus-Straße, damals Mittelstraße, gegenüber der Kerstholtsgasse) drang ein russischer Soldat ein und bedrohte die Frau Siepe. Seine Degenspitze stieß er in den oberen Türbalken. Man schrie um Hilfe, auch Georg Siepe. Ein russischer Offizier vertrieb den Eindringling. Beim Losreißen des Degens splitterte ein Span aus dem Balken. Stecken blieb die abgebrochene Spitze. Die und die Kerbe blieben lange sichtbare Zeichen der Erinnerung. Zum Dank für den glücklichen Ausgang gelobte Georg Siepe die Errichtung eines Wegekreuzes. Noch 1813 wurde es aufgestellt, in der Bergstraße dem Haus Kampmann gegenüber. Dieses Kreuz diente als Stationskreuz bei der Urbanus-Prozession. Die führte damals von der Kirche aus durch die Bergstraße, durch die Felder, durch „Schlade und Kump“. 1848 wurde das Kreuz in die Bergmecke – an den jetzigen Platz - versetzt, weil die Prozession durch die Bergmecke führte. Später befand sich hier auch eine eiserne Kanzel. Eine „Waldkanzel“ für die Predigt. – 1931 erneuerte Wilhelm Siepe, der Enkel von Georg Siepe, das Kreuz. Pfarrer Ferdinand Gerwinn weihte es am Pfingstmontag ein. In das Holz am unteren Teil des Kreuzes war eine Flasche eingearbeitet worden. Landwirt Wilhelm Siepe hatte darin eine Urkunde gelegt, in der die Geschichte des Kreuzes aufgeschrieben war. Außerdem hatte Wilhelm Siepe darin den Wunsch deutlich gemacht, dass seine Nachkommen das von seinem Großvater Georg Siepe gegebene Versprechen, das damals als Gelöbnis verstanden worden war, einhalten mögen. Mit in die Flasche gesteckt wurden Geldscheine, Banknoten aus den Inflationsjahren (1931 und davor). Gewichtig für unsere Dorftradition ist auch noch der Zettel mit den Namen derer, die das Kreuz 1931 erneuert hatten: Stellmacher Johann Köster und Maurer Theodor Kordel. – 1932 wurde dem Haus Kampmann gegenüber ein neues Kreuz aufgerichtet. – 1976 war wieder eine Erneuerung notwendig. So schreibt Pfarrer Bernhardt Hagemeyer in seiner Chronik: „Familie Siepe-Necker richtet das Bergmecke-Kreuz wieder würdig her. Bei der Fronleichnamsprozession wird hier die Hl. Messe gefeiert.
1986 übernahm das Versprechen für Familie Necker-Siepes Kreuz die „Straßengemeinschaft Bergmecke – Tannenweg – Obere Urbanusstraße“ mit Ludwig Böhner an der Spitze. Mit ihren Spenden und ihrem Arbeitseinsatz wurde auch ein schwerer Grauwackenblock aus einem Hellefelder Steinbruch angeschafft. Der ruht nun als Altarstein auf dem fachmännisch aus Kopfsteinen gepflasterten Plateau, - selbstverständlich mit Hilfe von Maurermeister Ludwig Böhner. Das Holzkreuz mit dem Corpus wurde wieder kunstgerecht aufgearbeitet und restauriert. Er und der ganz neue Kreuzweg wurden am 4. Mai 1989 – am Fest Christi Himmelfahrt - von Pfarrer Werner Gerold eingeweiht, gemeinsam mit Franziskanerpater Heribert Griesenbrock OFM (Dorsten), freundschaftlich und familiär verwandt mit Freienohl. Er hielt auch die Festpredigt. Nachmittags bei schönstem Sonnenwetter mit anschließendem gemütlichem Beisammensein unserer Gemeinde.
Leider wurde dieses Kreuz am 14. Januar 1994 geschändet.
Schon mal – im Oktober 1989 – zudem im Jahr der Einweihung wurde der Kreuzweg mit Nazi-Zeichen geschändet. Da trauten sich die Übeltäter mit ihren Gewalttätigkeiten nur an die Tragebalken der Bronzebilder. Diesmal auch an den Christus-Corpus.
Inzwischen ist das Necker-Siepe-Bergmecke-Kreuz auch wegen seines schönen Standorts eine geradezu liebgewordene Prozessionsstation.
Die 4. Station Alfons Pöttgen am Alten Weg:
Inzwischen auch Eingang und Ausgang zur Hauptstraße. Aus dem Jahr 1924 liegt ein Familienbericht der Familie Alfons Pöttgen vor: Die Urbanusprozession geht über die Bergstraße, Stückelhahn, Bergmecke, Kump und durch den Alten Weg zurück zur Kirche. Fräulein Pauline Tönne hat wegen ihres vorgerückten Alters die 4, Station abgegeben (damals Gasthof „Zur Post“). Daraufhin hat Ferdinand Pöttgen (geb. 27.12.1857) und seine Ehefrau Theresia Pöttgen geb. Feldmann (geb. 12.07.1875) die 4. Station übernommen.
1924 und 1925 ist die Urbanusprozession wegen Regen ausgefallen. 1926 zog die Prozession bei schönem Wetter aus. Mit neuem Eifer war zum ersten Mal die Station bei uns festlich aufgebaut. Aber durch einen plötzlichen Gewitterschauer musste die Prozession an der 4. Station vorbeiziehen. - Da im Haus kein Teppich vorhanden war, wurde er durch einen Blumen-Teppich ersetzt. - Ob daraus gefolgert werden kann, dass die Blumen-Teppiche überhaupt ein Ersatz für „echte“ Teppiche sind?
1928, zur 4. Station bei Ferdinand Pöttgen: „Um dem Altar ein würdiges Aussehen zu geben, wurden eine neue handgestickte Altardecke, 4 handgestickte Fahnen und eine Herz-Jesu-Statue angeschafft. Die Altardecke und Fahnen wurden von Helen Pöttgen, Hedwig Kohsmann, Theresia und Anastasia Pöttgen gestickt. Die Herz-Jesu-Statue wurde von den Söhnen gestiftet (gekauft!). Die gesamte Ausstattung wurde von unserem Vater, der größtes Interesse für die Sache zeigte, zum Namenstag am 30. Mai geschenkt. Da am selben Tage die Prozession bei schönem Wetter gehalten wurde, kamen die Sachen sofort zur Geltung. Leider konnte er sich nicht lange daran erfreuen. Am 2. Februar 1932 starb er im Alter von 75 Jahren. So zog nun Jahr für Jahr die Prozession (hier: die Urbanusprozession) aus, bis die Prozession unter der Herrschaft der Nationalsozialisten immer mehr eingeschränkt wurde, im Jahre 1934 wurde sie ganz verboten.“
Das Freienohler Zusammenleben auch für diese Station wird besonders deutlich im Jahr 1945, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg; also weiter unten: 1945
Die 5. Station an der Küppel-Kapelle wird besonders gewürdigt im Kapitel „Gratifikation...“ wegen ihrer Stiftung durch die Freienohler Hebamme Josephine Schröer und der Betreuung durch den Küppel-Kapellen-Verein.
Die 6. Station am Noeke Kreuz Die Geschichte dieser Station ist weiter oben ausführlich dargestellt.
Fortsetzung: Unsere Prozessionen im 20. Jahrhundert, hier: in der Nazi-Zeit
Aus der Nazi-Zeit, also aus der „Hitler-Zeit“, aus der Zeit der Regierung der National-Sozialisten, auch genannt „Das Dritte Reich“ sind Behörden-Briefe an den Freienohler Pfarrer Ferdinand Gerwinn (1916-1949) und damit auch an unsere Gemeinde gerichtet. Erzbischof von Paderborn 1930 – 1941 ist Kaspar Klein, danach 1941 - 1974 Lorenz Jäger; Papst 1922 – 1939 Pius XI., danach 1939 – 1958 Pius XII.
Die Zitate aus den Briefen sind kursiv geschrieben; hier wurden die Namen ausgelassen, nicht im Archivmaterial. - Beachtenswert sind die politisch „feinen Unterschiede“ von Jahr zu Jahr.
Zunächst eine mehr als liederliche Behinderung einer bevorstehenden Prozession. Pfarrer Gerwinn schreibt in seiner Chronik: „Am 26. Juni 1933 wurde die Fahne des Gesellenvereins (jetzt Kolpingsfamilie, Kolpingswerk) auf Anordnung der Leitung der hiesigen N.S.D.A.P. (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) durch die SA-Männer (Sturm-Abteilung…, die 2 Namen sind hier ausgelassen) trotz des erhobenen Einspruchs des Pfarrers gewaltsam aus der Kirche geholt.“ Auch damals waren die Vereinsfahnen, Banner und Wimpel stolze Zeichen des Glaubensbekenntnisses zum Allerheiligsten der Prozessionen.
1934, 12. Mai: Absender: NSDAP, Gauleiter in Bochum an alle Kreisleitungen des Gaues Westfalen-Süd, Betreff „Teilnahme katholischer Verbände an den kirchlichen Prozessionen…mit dem Ersuchen, Ihre sämtlichen Dienststellen zu veranlassen, auch örtlich mit den Verbänden der SS, SA und HJ (Sturmschar / Saalschutz, Sturmabteilung, Hitlerjugend, - ab 14 Jahre) Fühlung zu nehmen, damit unter allen Umständen Störungen der kirchlichen Feiern nicht eintreten: Durch Erlass vom 4.12.1933 … habe ich allgemeine Weisungen hinsichtlich der katholischen Verbände, insbesondere der Jugend-Organisationen gegeben. Um Störungen und Misshelligkeiten gelegentlich der vielfachen demnächst stattfindenden kirchlichen Prozessionen zu vermeiden, weise ich ergänzend noch auf Folgendes hin: Die Prozessionen sind rein kirchliche Veranstaltungen. Eine geschlossene Teilnahme konfessioneller Vereine, auch Jugendvereine bei denselben, ist grundsätzlich nicht zu behindern, auch nicht das Mitführen von Vereinsfahnen. Dabei wird sich der geschlossene Marsch dieser Organisationen lediglich auf die Teilnahme an den kirchlichen Prozessionen zu beschränken haben. Ein Auftreten dieser Organisationen in Uniform oder Einheitskluft wird nicht zuzulassen sein. Ein solches entspricht auch in keiner Weise der überlieferten Übung und ist lediglich geeignet, Störungen von Ruhe und Ordnung hervorzurufen. Die vielfach überlieferte Übung, dass bei einzelnen Verbänden die Fahnenträger und Fahnenbegleiter Barett und Schärpe oder ähnliches tragen, ist selbstverständlich nicht zu hindern.“ Im Amt Freienohl eingegangen am 23. Mai 1934.
1934, 24. Mai: „Bei den stattfindenden Prozessionen wolle nach Möglichkeit dafür gesorgt werden, dass sich die Prozessionen auf der rechten Straßenseite fortbewegen. Der Straßenverkehr auf den Durchgangsstraßen darf nicht behindert werden.“
Unsere jetzige Hauptstraße hieß damals: Adolf-Hitler-Straße.
1934, 28. Juni: „An die Jungfrauen-Kongregation zu Freienohl: Um weitere Zusammenstöße mit der Hitler-Jugend zu verhindern, ist neben dem Verbot des Tragens von Uniformen oder Uniformstücken durch konfessionelle Jugendverbände nunmehr angeordnet, dass den konfessionellen Verbänden auch das Tragen aller Abzeichen verboten ist. Dazu gehört auch das Christus-Abzeichen der Neudeutschen (Verband katholischer Schüler höherer Lehranstalten).“
1936, 15. Januar: „Betreff: Beflaggung der Kirchengebäude. – Es ist in letzter Zeit, insbesondere von katholischen Kreisen, mehrfach versucht worden, den Erlass des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers des Innern … dadurch zu umgehen, dass die Reichs- und Nationalflagge nicht am Kirchengebäude selbst, sondern an einem neben dem Kirchengebäude eigens hierzu errichteten Fahnenmast gehisst wurde…“
1936, 19. Februar: „In letzter Zeit ist mehrfalls festgestellt worden, dass zur Hissung der Reichs- und Nationalflagge vor den Kirchen auf den Kirchengrundstücken besondere Fahnenmaste errichtet wurden. Ich darf hierzu darauf hinweisen, dass nach dem Erlass über die Kirchenbeflaggung vom 4. Oktober 1935 … die Kirchen- G e b ä u d e zu beflaggen sind… Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der für die Kirchenbeflaggung getroffenen Anordnungen bitte ich, das hiernach Erforderliche veranlassen zu wollen.“
Als in jenen Jahren ein Paderborner Priester von seinem Erzbischof Klein einen Ratschlag erbat, sagte der Erzbischof: „Das weiß ich auch nicht, aber haben Sie Mut und Phantasie!“
1936, 18. Mai; die Polizei an den Bürgermeister: „Die Beflaggung des Kirchturms in Freienohl wäre an sich wohl möglich, jedoch ist die Anbringung der Fahne mit Schwierigkeiten verbunden. Bei der vorgenommenen Besichtigung ergab sich, dass ein Flaggen aus dem Schalloch heraus unzweckmäßig wäre, weil das Fahnentuch sich draußen in dem Ziffernblatt und den Zeigern der Uhr verfangen kann. Oben am Helm befindet sich allerdings noch ein kleiner Dachausbau, durch den die Flagge eingerollt hindurch gebracht werden könnte, jedoch fehlt eine Leiter dahin. Zunächst müsste also eine Leiter angeschafft und fest eingebaut werden. Sodann müssten die Laufbretter im Gebälk festgenagelt und seitlich durch einen Handlauf gesichert werden. Schließlich wäre noch für eine Beflaggung im Winter die Anlage einer elektrischen Lichtleitung und einer Brennstelle erforderlich. Sollten sich sonst noch technische Schwierigkeiten ergeben, so möge das Kreisbauamt in Anspruch genommen werden.“
1936, 2. Juni: „Zurückgesandt. Das Flaggen vom Fahnenmast aus kann nicht als ausreichend angesehen werden. Ich ersuche daher zu fordern, dass die Fahne vom Kirchturm gezeigt wird.“
1936, 10. Juni: Polizei-Funkdienst Stapo Dortmund (Staatspolizei) nach Arnsberg zum – u.a. – Regierungspräsidenten zur Weiterleitung: „Der Reichskirchenminister hat folgende Entscheidung getroffen: Rein weltliche Veranstaltungen kirchlich konfessioneller Vereinigungen im Anschluss an die religiöse Feier des Fronleichnamsfestes haben entsprechend dem Charakter dieses Festes ebenfalls mehr oder weniger den Charakter einer Demonstration und sollen im Interesse der Volksgemeinschaft unterbleiben … und können daher nicht zugelassen werden… In sehr vielen Pfarrgemeinden finden solche weltlichen Feiern ohnedies nicht statt wohl in dem Gefühl, dass weltliche Veranstaltungen nicht zu einem solch tiefen religiösen Geheimnis passen, wie es nach katholischem Glauben Eucharistie enthält… Die Fronleichnamsprozession dagegen ist in der bisherigen Form und Ausdehnung zu gestatten…über den Verlauf des Fronleichnamsfestes (ist) schriftlich bis spätestens 15.6.36 zu berichten. Fehlanzeige ist erforderlich…“
1938, 31. Mai: Der Landrat in Arnsberg aus dem Schreiben des Gauschützenführers: „Nach § 2 der Reichseinheitssatzungen…sind den Vereinen Bestrebungen klassentrennender oder konfessioneller Art verboten.“
1938, 4. Mai; Vom Landrat an Bürgermeister und am 16. Mai 1938 weiter an Pfarrer: „Betreff: Zweite Verordnung zur Durchführung des Reichsflaggengesetzes vom 28.8.1937. – Aus Anlass eines Einzelfalles hat die Staatspolizeistelle in Dortmund über das Flaggen von Kirchenfahnen folgende Entscheidung getroffen: Nach § 2 der Verordnung ist Privatpersonen das Setzen von Kirchenflaggen allgemein verboten. Auch bei kirchlichen Feiern, wozu selbstverständlich auch Prozessionen gehören, können Privatpersonen nur die Reichs- und Nationalflagge zeigen. Das Zeichen von farbigen Kirchenfähnchen, auch in Form einer Girlande, fällt ebenfalls unter das Verbot … Nur den Kirchen ist es gestattet, bei kirchlichen Feiern die Kirchenfahne zu zeigen. Erfolgt die Beflaggung nicht auf staatliche Anordnung, sondern aus einem anderen Anlass, so können die Kirchen, nicht Privatpersonen, Kirchenfahnen allein oder neben der Reichs- und Nationalflagge zeigen. Im letzteren Falle gebührt der Reichs- und Nationalflagge jedoch die bevorzugte Stelle. – Ich ersuche, die Befolgung dieser Anordnung genauestens zu überwachen.“
1939, 25. Mai: vom Landrat Arnsberg – u.a. – ans Amt Freienohl, hier eingegangen am 1.6.1939: „Die Behinderung des Durchgangsverkehrs auf verkehrswichtigen Straßen, d.h. auf allen Reichsstraßen und Hauptverkehrsstraßen durch die Veranstaltung von Prozessionen ist mit den Erfordernissen einer geordneten Abwicklung des Verkehrs und den zu seiner Förderung und Sicherheit ergriffenen Maßnahmen organisatorischer, finanzieller und sonstiger Art nicht mehr zu vereinbaren, auch wenn hierbei in althergebrachter Weise bestimmte Wege und Plätze benutzt werden. Ich ordne daher an, dass Prozessionen und Wallfahrten die Reichs- und Hauptverkehrsstraßen des Kreises Arnsberg nicht mehr begehen dürfen. In besonders gelagerten Fällen, bei welchen sich die Benutzung einer Reichs- oder Hauptverkehrsstraße nicht umgehen lässt, bin ich notwendigenfalls bereit, wenn es mit den verkehrspolizeilichen Interessen in Einklang zu bringen ist, eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. Anträge dieser Art ersuche ich mir rechtzeitig unter eingehender Darlegung des Sachverhaltes vorzulegen. Dabei weise ich darauf hin, dass in den Fällen, in denen eine Prozession pp. (oder ähnliches) eine Reichsstraße kreuzen soll, mit der Erteilung der Ausnahmegenehmigung nicht zu rechnen ist…“
Auf alten Postkarten ist zu sehen, wie damals unsere Reichsstraße und Hauptverkehrsstraße aussah. Wer damals Kind war, erinnert sich an die Fahrten mit selbstgebauten „Bollerwagen“ und an den Autoverkehr, an die Autobesitzer und Fahrer.
1939, 2. Juni: „Hiermit bringe ich zur Kenntnis, dass aus Verkehrsrücksichten Prozessionen und Wallfahrten die Reichs- und Hauptverkehrsstraßen des Kreises Arnsberg nicht mehr begehen dürfen. Sie wollen die Anordnung beachten und sich darnach in Zukunft halten.“
Ausgerechnet diese Verordnung hatte der Priester Otto Günnewich, Vikar in Niedersalvey, nicht zur Kenntnis genommen. Er ging mit der Niedersalveyer Fronleichnamsprozession 1942 beim Rundgang um die Kirche knappe 50 Meter über die Durchgangsstraße. Das wurde verraten. Am 12.7.1942 wurde er verhaftet, am 10.8.1942 im KZ Dachau vergast. Die Leiche wurde verbrannt und den Eltern zugeschickt.
1939, 5. Juni: „Durch Verfügung II U 2 vom 31.5.1939 hat der Herr Regierungspräsident die folgende Anordnung des Herrn Oberpräsidenten bekannt gegeben (für die Volksschule Freienohl): Am Fronleichnamstage dieses Jahres findet planmäßiger Unterricht statt. Um den katholischen Lehrern und Schülern die Möglichkeit zu geben, den Gottesdienst zu besuchen, fällt für sie der Unterricht in der ersten Stunde aus. An Schulen, die auch von nichtkatholischen Lehrern und Schülern besucht werden, fällt der Unterricht in der ersten Stunde auch für diese aus, wenn nach Ermessen des Schulleiters ein fruchtbringender Unterricht für sie nicht möglich ist… Auf die genaueste Befolgung dieser Anordnung weise ich nachdrücklich hin. In der hiesigen Schule beginnt der Unterricht am Fronleichnamstage um 9 Uhr.“
1940, 10. Mai vom Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Münster; über den Herrn Regierungspräsidenten der Provinz, Arnsberg, am 12. Mai 1940;über die hauptamtlichen Bürgermeister am 15. Mai 1940 an die Pfarrer: „Im Hinblick auf die gegenwärtige Lage müssen bis auf weiteres im Bereich der Provinz Westfalen alle öffentlichen Umzüge unterbleiben. Darunter fällt grundsätzlich auch die diesjährige Fronleichnamsprozession. Es ist jedoch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Prozession in Form eines Umganges um das Kirchengebäude abgehalten wird, soweit nicht eine akute Luftgefahr vorliegt.“ Mit Luftgefahr sind Bomben-Abwürfe durch feindliche Flugzeuge und Beschießen durch „Tiefflieger“. Diese Luftangriffe gab es freilich vor allem in, über den Städten und erst am Schluss des Krieges – 1944, 1945 – auch auf dem „flachen Land“.
Ob Vikar Günnewich diese Anordnung in Verbindung mit der Anordnung vom 2. Juni 1939 auch nicht kannte, weiß man nicht.
1941, 19. Mai, vom Landrat an Pfarrer Gerwinn: „Ihr Antrag vom 14. Mai, betr. Genehmigung einer Fronleichnamsprozession, ist mir … zuständigkeitshalber vorgelegt worden. In Anbetracht der gegenwärtigen Luftlage kann die Prozession in der vorgesehenen Weise leider nicht zugelassen werden. Es bestehen aber keine Bedenken, wenn die Prozession in der Form des Umganges um das Kirchengebäude abgehalten wird. Hierzu erteile ich hiermit meine Genehmigung.“
Darunter steht die handschriftliche Anmerkung von Pfarrer Gerwinn, auch von ihm abgezeichnet: „Ein Umzug um die Kirche kommt hier wegen der Beschränktheit der Mauer nicht in Frage. Infolgedessen fallen in diesen Wochen die Prozessionen aus.“ Pfarrer Gerwinn wird den jungen Martyrer Vikar Günnewich in Erinnerung gehabt haben.
1942, 1. Juni: Die Geheime Staatspolizei Dortmund an die Landräte usw. bis zur Ortspolizei: „Eilt sehr! Vertraulich!“ Klar, der Fronleichnamstermin steht fest. Es geht um „die Verordnung über die Handhabung des Feiertagsrechtes während des Krieges… Ich ersuche, die Veranstaltungen der Kirchen sowohl am Donnerstag, dem 4.6.1942 als auch am Sonntag, dem 7.6.1942 zu überwachen. Die Überwachung bezieht sich auch auf die Beteiligung am Gottesdienst, sowie auf die angesetzten Feierlichkeiten. Insbesondere ist darauf zu achten, ob von den Geistlichen die Verlegung und die damit verbundenen Feierlichkeiten innegehalten werden. Bei festgestellten Verstößen bitte ich den Namen des verantwortlichen Geistlichen anzugeben. Um Bericht bis zum 13.6.1942 – genau - … Fehlanzeige ist erforderlich.“
1942, 8. Juni: Amt Freienohl: „Fehlanzeige“.
Offiziell endete der Zweite Weltkrieg und das Dritte Reich am 7. Mai 1945.
1945, 1. Mai: Pfarrer Gerwinn an das Bürgermeisteramt in Freienohl: „Seitens der Mitglieder der hiesigen Pfarrgemeinde ist mir wiederholt der lebhafte Wunsch ausgesprochen worden, dass die drei seit Jahrhunderten üblichen Prozessionen, die in den letzten 6 Jahren verboten waren, wieder gehalten werden möchten… (Die 3 Prozessionen werden mit den entsprechenden Terminen aufgeführt.) Es wäre wünschenswert, wenn für diese 3 Tage die Zeit zur Benutzung der Straße auf morgens 6 Uhr heraufgesetzt würde, damit der Gottesdienst zeitiger beginnen kann.“ - So früh schon wegen des Schmückens mit den „Blumen-Teppichen“.
1945, 9. Mai 00.01 Uhr: Die deutsche Kapitulation tritt in Kraft. Ende der NS-Zeit.
1945, 2. August, aus dem Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn an die Dechanten zur Weiterleitung an die Pfarrer: „Zur Kenntnisnahme. Der englische Kreiskommandant in Arnsberg teilt uns mit, dass Prozessionen keiner besonderen Genehmigung bedürfen, dass sie aber rechtzeitig unter Angabe des Prozessionsweges ihm gemeldet werden müssen. Militärstraßen dürfen nicht von den Prozessionen berührt werden.“
Wieder: Holungen nach 1945
1945: Aus dem Bericht von Familie – nun – Alfons Pöttgen zur Urbanusprozession: Nach dem schrecklichen Bombenkrieg konnte die Prozession nach alter Tradition wieder frei ausziehen. Nach Jahren der Unterdrückung kam die Freude der Bevölkerung besonders zum Ausdruck durch überwältigendes Schmücken der Straßen und Häuser.
1946: Am 26. Mai konnte die Prozession wegen Kanalisationsarbeiten auf dem Kump (inzwischen Urbanusstraße) ihren gewohnten Gang nicht gehen. Sie zog von der Bergmecke über den Grasweg - Schlar - Düringstraße (später Brunnenstraße) zur Kirche. Aus diesem Grund wurde auch die 4. Station vor dem Haus Anton Fabri aufgebaut. Die Familie Fabri hat uns durch ihre Bereitwilligkeit stark unterstützt. Bei dieser Prozession läuteten auch wieder zwei Glocken. Die erste läutete Weißen Sonntag, am 28. April 1946, sie wiegt 30 Zentner. Sie läutete zum ersten Mal zum Goldenen Priesterjubiläum von Pfarrer Gerwinn Die zweite am darauf folgenden Sonntag, am 5. Mai; 13 Zentner. Die dritte läutete am 15. Juni; 18 Zentner. Von Alfons Pöttgen mit 2 Helfern aufgehangen
1947, 5. Mai: Pfarradministrator Karl Pastuszyk (Geistl. Rat u. Erzpriester, Ostvertriebener vom 2. Weltkrieg, i.V. für den erkrankten Pfarrer Gerwinn): „Dem Herrn Amtsdirektor in Freienohl teile ich hierdurch mit, dass die Urbanus-Prozession am 25. oder 26. Mai, die Fronleichnamsprozession am 5. oder 8. Juni und die Küppelprozession am 2. Juli in der üblichen Weise stattfinden werden.“ Keine Bitte, nur eine Mitteilung. Der Amtsdirektor lässt notieren: „Es handelt sich um althergebrachte Prozessionen; es bestehen keine Bedenken.“
1950: Pfarrer Dolle (1849 – 1960) notiert ganz knapp: Die Urbanusprozession am 1. Pfingsttag verregnete, fiel aus. – Fronleichnamsprozession „in althergebrachter Weise“. – Sonntag, 2. Juli 1950: Küppelprozession.
1951, 27. Mai: Die Urbanusprozession verregnet.
1951, 4. Juni: Vom Ministerium Düsseldorf bis zu den entsprechenden Behörden zur Durchführung von Prozessionen: „Prozessionen sind genehmigungspflichtige Veranstaltungen im Sinne des § 5 Straßenverkehrsordnung, wenn sie öffentliche Straßen in Anspruch nehmen… Für solche Prozessionen, die in althergebrachter Weise alljährlich regelmäßig zur gewohnten Zeit und unter Benutzung derselben Straßen durchgeführt werden, kann aber diese Genehmigung ein für alle Male als erteilt angesehen werden, sodass es einer besonderen Genehmigung in jedem Einzelfall nicht mehr bedarf… es bedarf also in diesen Fällen lediglich einer rechtzeitigen Anzeige seitens der kirchlichen Behörden…“
So liegen im Amt Freienohl diese Wegestrecken vor:
Urbanusprozession: von der Pfarrkirche, von Steubenstraße (danach und z.Zt. Hauptstraße), Bergstraße, durch die Bergmecke, auf dem Kump (Urbanusstraße), Alter Weg, von Steubenstraße, zur Kirche zurück.
Fronleichnamsprozession: von der Pfarrkirche über die Von-Steubenstraße (später Hauptstraße), Bergstraße, Mittelstraße ( St. Nikolaus-Straße), Krummestraße, Am Hügel, Twiete, von Steubenstraße, zur Kirche zurück.
Küppelprozession: von der Pfarrkirche, Am Hügel, Alte Wiese, durch den Küppelwald (unterer Küppelweg), Bahnhofstraße, Breiter Weg, von Steubenstraße, zur Kirche zurück.
1952: Urbanusprozession am Sonntag in der Oktav von Christi Himmelfahrt wegen Regen ausgefallen.
1952, 4. Juli: „In diesem Jahr wurde schlicht bei der Prozession Mariä Heimsuchung an der Küppelkapelle das 50-jährige Bestehen der Küppelkapelle begangen.“
1953, 25. Mai: Aus dem Familienbericht der Familie Alfons Pöttgen; siehe oben 1928: „Die Herz-Jesu-Statue fiel kurz nach dem Segen durch einen plötzlichen Windstoß vom Altar. Sie war nicht mehr zu gebrauchen. Zum 29. Mai 1955 war eine neue Statue von Ferdinand Heckmann, Wiedenbrück, gearbeitet worden.“
1954, Donnerstag, 27. Mai: An der Urbanusprozession bei herrlich-sonnigem Frühlingswetter nahmen ca. 900 Personen teil. 2 Diakone aus dem Kloster Oeventrop assistierten (Diakone dürfen unterwegsdie Monstranz tragen. Eine ziemliche Erleichterung für den Pfarrer.)
1956, 28. November: Eine Bitt-Prozession zur Küppelkapelle zum Gebet für Ungarn und die Menschenrechte. Eine Kollekte ergab 240,20 DM und 75 Pakete Textilien. Am 23. Oktober 1956 hatte in Budapest der Aufstand gegen das kommunistische Regime begonnen.
1959, 5. Juli: Weil das Kirchengebäude in diesem Sommer renoviert wurde (siehe „Festbuch“) wurden die Gottesdienste in der Schützenhalle gefeiert. An Mariä Heimsuchung begann von hier aus um 9.30 Uhr die Küppelprozession; hier endete sie auch mit der 4. Station. Drei ausländische Priester trugen das Allerheiligste: ein Weltpriester aus Mossul – Irak (Dr. Dr. NN), ein Weltpriester aus Bogota, Kolumbien; ein Weltpriester aus Puebla, Mexico. Sie kamen durch Albert Lichte hierher, sie studieren in Bonn.
1960 + 1961 + 1962 + 1963 + 1964: Pfarrer Hagemeyer notiert keine Informationen über die Prozessionen. Sicher gäbe es welche, wenn die Prozessionen nicht stattgefunden hätten. Denn:
1965: „Die drei großen Prozessionen erfolgten an den bestimmten Sonntagen und erfreuen sich noch einer regen Beteiligung.“
1966: keine Information zu den Prozessionen.
1967, 11. Juni: Eröffnung der Informationen und Werbungen für die vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) initiierten Pfarrgemeinderäte. Am 18. September 1967 fand die erste Sitzung des ersten Pfarrgemeinderates statt. Zum ersten PGR-Vorsitzende wurde gewählt Zahnarzt Rudolf Vorderwülbecke. Ein Beratungsthema war die Änderung der Küppelprozession. Mit Rücksicht auf den – angeblich! - starken Verkehr auf der B7 (Bahnhofstraße, Ruhrbrücke, Breiter Weg, Hauptstraße) wurde beschlossen, die Küppelprozession am „Noeken Kreuz“ enden zu lassen. Dies wurde später von der Gemeinde ohne Einwände akzeptiert. Zum „starken Verkehr“: bekanntlich sind gesagte Gründe nicht immer auch die wahren Gründe. Nicht intensiv beraten wurde, ob ein PfarrgemeindeRAT solche Gottesdienst-Inhalte beschließen kann.
1968, 18. Juni: Auf der Pfarrgemeinderatssitzung wurde beantragt, von den drei bestehenden Prozessionen die Küppelprozession ausfallen zu lassen. Von 10 anwesenden Mitgliedern stimmten 6 für die Abschaffung. Mit Rücksicht auf die Beliebtheit der Prozessionen bei dem weitaus größeren Teil der Gemeindemitglieder legte der Pastor sein Veto ein gegen die Abschaffung mit der Erklärung, dass darüber die Gemeinde abstimmen solle. Die Diskussionsinhalte auf der PGR-Sitzung wurden nicht gründlich protokolliert. – 12 Tage später, am 30. Juni fand die Küppelprozession statt. An ihr nahmen 803 Personen teil, (Original Pfarrer Hagemeyer:) „ohne dass der genannte Beschluss in der Gemeinde bekannt gegeben worden war“. Nicht „bekannt gegeben“, aber in Freienohl gibt es auch eine „stille Post“ – und hier das Abstimmen mit den Füßen. Die Fortsetzung aus der Pfarrerchronik: „Am Sonntag, den 14. Juli wurden dann allen Jugendlichen und Erwachsenen nach den Heiligen Messen Stimmzettel übergeben mit der Aufschrift: Küppelprozession: ja: nein: ! Im Laufe der folgenden Woche wurden in den „Fragekasten an den Pfarrgemeinderat“ die Stimmzettel ausgefüllt niedergelegt. Ergebnis: 542 Ja-Stimmen für die Prozession, 62 Nein-Stimmen. Dazu kamen wiederholt telefonische Anrufe und persönliche Vorstellungen, die FÜR die Beibehaltung der Prozession sich einsetzten von Personen, die sich ausdrücklich geweigert hatten, einen Stimmzettel auszufüllen. An Stimmzetteln waren 1000 ausgegeben worden – ohne Berücksichtigung der Kinder. Die zwischenzeitlich einsetzende große Erregung in der Gemeinde über den Plan der Abschaffung der Küppelprozession konnte mit der Bekanntgabe der Erhaltung dieser Prozession beigelegt werden.“ – Nicht aktenkundig, aber doch bekannt ist, dass zwei junge Männer bei einem privaten Kirchenbesuch die Stimmzettel mit den Ja-Stimmen für die Prozession durch reichhaltiges Ankreuzen vermehrt hatten.
1969: Der Abschnitt aus der Pfarrerchronik: Die Prozessionen wurden auch in diesem Jahr gegangen. Die Urbanusprozession mit der Feier der Hl. Messe oben am Kreuz in der Bergmecke (Neckers Kreuz). Die Fronleichnamsprozession allerdings ohne die „Schleife“ über Am Hügel und Twiete, sondern direkt vom „Küsterhaus“ (Gardinen-Schwefer) in die Kirche. Die Küppelprozession mit Feier der Hl. Messe vor der Küppelkapelle und dem Rückweg direkt durch die Twiete zur Kirche. So war es in einer Sitzung des Pfarrgemeinderats beschlossen worden.
1970: Der Abschnitt aus der Pfarrerchronik: Die Prozessionen verliefen wie gewohnt. Da nur drei Tage zwischen der Urbanusprozession und der Fronleichnamsprozession lagen, wurden auf den Rat des Pfarrgemeinderates beide Prozessionen zusammengelegt mit dem Prozessionsweg über die Bergmecke. So soll es auch in Zukunft bleiben.
1971: Der Abschnitt aus der Pfarrerchronik: Am Fronleichnamsfest gingen wir die Urbanus- und Fronleichnamsprozession auf dem Weg der früheren Urbanusprozession oben durch die Bergmecke…(1970!) Wegen der regnerischen Witterung haben wir die Hl. Messe bereits an „Storms Kreuz“ oben in der Bergstraße gefeiert und sind über den Rotbusch zur Kirche zurückgekehrt. - Die Küppelprozession mit Feier der Hl. Messe an der Küppelkapelle ging in gewohnter Weise, allerdings nicht mehr auf dem weiteren Weg „Unterer Küppelweg“, da er vom Regen zu aufgeweicht war und wegen des starken Autoverkehrs auf dem Rückweg (Bahnhofstraße, Ruhrbrücke, Breiter Weg, Hauptstraße). Bei dieser Prozesseion gilt künftig der Beschluss des ersten Pfarrgemeinderates: Rückkehr von der Küppelkapelle durch die Twiete zur Kirche. - Mal sehen, wie sich „die Zeiten“ ändern – und die Begründungen.
1972: Der Abschnitt aus der Pfarrerchronik: Die Prozessionen verliefen in der gewohnten, seit Jahren geübten Weise. Wegen einer längeren Erkrankung des Vikars wirkte Pater Superior Ehling MSC aus dem Missionshaus Oeventrop der Hiltruper Missionare mit (beim Tragen des Allerheiligsten mit der Monstranz), der seine Enttäuschung über die geringere Zahl der Teilnehmer nicht verstehen konnte. Kannte er doch Freienohler Prozessionen aus den Jahren vor 1958, wo er des öfteren in Vertretung des damals erkrankten Pfarrers (Dolle) in der Seelsorge aushalf. Die Zeiten haben sich geändert.
1973: Kein Bericht.
1974: Unsere Prozessionen: Urbanus- und Fronleichnamsprozession und die Küppelprozession gingen wir in gewohnter Weise am Fronleichnamstag und am 1. Sonntag im Juli. Höhepunkt war die Feier der Hl. Messe in der Bergmecke und an der Küppelkapelle.
1975: Kein Bericht.
1976: Das Prozessionskreuz oben an der Bergmecke wurde von der Familie Siepe-Necker würdig hergerichtet. Am Fronleichnamsfest haben wir vor diesem Kreuz die Hl. Messe gefeiert. – Die beiden großen Prozessionen (UP+FP, KP) erfreuen sich einer guten Teilnahme, wenngleich auch von den größeren Schulkindern und den Jugendlichen kaum Teilnehmer zu verzeichnen waren. So ist es leider auch im Besuch der Sonntags-Gottesdienste.
1977 + 1978: Beide Prozessionen mit guter Beteiligung.
1978: In den Pfarrnachrichten steht: In der Gemeinde wird diskutiert: die Küppelprozession soll ausfallen, weil sie nicht mehr zeitgemäß ist. Nicht diskutiert wird, ob das Schützenfest noch zeitgemäß ist.
1979, 1. Februar: Die Umpfarrung der Gemeinde der St. Agatha-Kapelle Olpe von der Pfarrei St. Luzia, Berge, in die St. Nikolaus-Pfarrei Freienohl; beauftragt vom Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, Paderborn, am 20. Dezember 1978.
1979: Unsere beiden Prozessionen (UP + FP, KP) konnten bei gutem Wetter in der bewährten Form gegangen werden. Bei der Küppelprozession wurde auf Vorschlag des Pfarrgemeinderates wieder der Segensaltar am Haus Helnerus, Am Hügel, errichtet.
1980: Die Fronleichnams- und Urbanusprozession war bei gutem Wetter ein würdiges Bekenntnis zum Herrn im Hl. Sakrament. Selbst Olper Mitglieder unserer Gemeinde nahmen daran tei. Die Küppelprozession musste wegen starken Regens ausfallen.
1981: Genau wie 1980.
1982: Am Sonntag, dem 20. Juni wurde die würdig erneuerte Küppelkapelle im Rahmen der Küppelprozession und mit der Feier des Hochamtes vor der Kapelle wieder ihrer Bestimmung übergeben. Es ist in der Tat ein sehr gelungenes Werk geworden. Da die Kapelle nicht im Besitz der Kirchengemeinde war und ist, wurde ein Förderverein gegründet, der durch freiwillige Spenden auch in Zukunft für den Erhalt der Küppelkapelle sich einsetzen will. In der Zeit des Wohlstandsdenkens, wo jede Leistung honoriert werden muss, verdient diese Aktion einer kleinen Gruppe von Männern (sicher mit der Unterstützung ihrer Gattinnen) besondere Beachtung und Anerkennung. Das fand auch Ausdruck in dem anschließenden Frühschoppen am Eingang zum Küppel. Erbsensuppe und Getränkestände sorgten für das leibliche Wohl. Der Bläserchor des Hegerings Meschede und unsere Musikkapelle trugen wesentlich zm Gelingen bei. So konnten wenigstens die reinen Materialkosten vergütet werden. Bei allem Vorbehalt, der bei der religiösen Gleichgültigkeit vieler gemacht werden muss, ist der Pfarrer (Hagemeyer) doch sehr glücklich, dass es noch solche Eigeninitiativen in der Pflege und im Erhalt religiöser Werke gibt – und das völlig freiwillig. Unter großer Beteiligung der Gemeinde wurde dieses Ereignis begangen.
Es ziemt sich, hier anzufügen: Seit diesem Festtag lebt auch wieder der alte Brauch auf, an jedem Freitag um 15 Uhr - zur Todesstunde Jesu – die Glocke der Küppelkapelle zu läuten. Den Anfang machten Josef Weber vom Plastenberg und Ludwig Vernholz von der Kaiserwiese.
1983: Genau wie 1980.
1983, 4. September – 2000: Pfarrer Werner Gerold
1984, 21. Juni: Kursiv Geschriebenes immer Pfarrer Gerold: Bislang war es üblich – bei der Fronleichnamsprozession – mit dem Allerheiligsten zum Bergmecke-Kreuz zu ziehen. Dort wurde das Allerheiligste „in die Büsche gestellt“ (diese Information tauchte in den früheren Texten nicht auf, sie wäre entdeckt worden!) und es wurde die Hl. Messe dort gefeiert. Danach zog die Prozession mit dem Allerheiligsten weiter, zurück in die Pfarrkirche. – Diese Regelung entspricht nicht den Vorstellungen der Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). – Da die Gemeinde auf die Feier der Hl. Messe am Bergmecke-Kreuz in Gottes schöner Natur nicht verzichten will (siehe die Argumente im nächsten Jahr!) – statt vorab die Hl. Messe in der Kirche zu feiern – wird die diesjährige Fronleichnamsprozession wie folgt gehalten: Bis zum Bergmecke-Kreuz wird die Gegenwart Jesu in seinem Wort betont, indem das Evangelienbuch in feierlicher Prozession dorthin getragen wird. Am Bergmecke-Kreuz wird die Hl. Messe gefeiert und gepredigt; dann erst geht die Eucharistische Prozession mit dem Allerheiligsten zur Pfarrkirche zurück. – Es gibt eine Menge Proteste bezüglich dieser Prozessionsform und viele fühlen sich „an der Nase herumgeführt“; obschon der Pastor des Sonntags zuvor die Prozessionsgestaltung genau erklärt hatte und auch die Gründe dafür darlegte, die zu dieser Lösung führten.
1984, 15. Juli: Küppelprozession: Schon im Vorfeld wurde dem neuen Pastor klar gemacht, welche Bedeutung gerade die Küppelprozession für unsere St. Nikolaus-Gemeinde hat. Umso erstaunter war ich (Pfarrer W. Gerold), als beim eigentlichen Prozessionstag nur etwa 130 Gemeindemitglieder sich auf den Weg machten. Es soll am unbeständigen Wetter gelegen haben; sonst sei alles ja ganz anders. – Vergangenheit verklärt! (Siehe 1978!) -
1985: Am Sonntag, dem 23. Juni wird mit einem Festgottesdienst auf dem Vorplatz der Küppelkapelle der neue Altar eingesegnet; es ist einer der früheren Seitenaltäre der St. Nikolaus-Pfarrkirche, der im Kirchenkeller stand. Der Küppel-Kapellen-Verein hat sich sehr gemüht, den Kapellen-Vorplatz würdig umzugestalten. Bei den umfangreichen Arbeiten stellte Firma Paul Pöttgen die Geräte kostenlos zur Verfügung. Unter dem Altarstein ist eine Urkunde zu diesem Festtag eingemauert.
Im Pfarrgemeinderat wurde beraten und beschlossen, dass künftig das Hochamt vor den Prozessionen und in der Kirche gefeiert werden soll. Bei den Prozessionsaltären „steht man sich die Beine in den Bauch“; das fördert nicht die andächtige Mitfeier. Und am Schluss des Hochamts hat sich das Wetter so „eingependelt“, dass man in besonnener Frömmigkeit gehen kann oder nicht. Die Hl. Messe hat man jedenfalls würdig gefeiert.
1986: Zur Küppelprozession: Nach Aussagen der neuen Freienohler Chronik soll eine alte schriftliche Aufzeichnung bezüglich der Küppelprozession vorliegen. Demnach „gelobte 1686 die Gemeinde eine am Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) abzuhaltende Prozession mit Predigt zum Kreuz am Plastenberg“. - Wir können also in diesem Jahr das 300-jährige Jubiläum der Küppelprozession feiern. – Festzuhalten ist aber, dass nach dem CIC (Canon Iuris Canonici – Gesetzbuch der Römisch Katholischen Kirche) Gelübde und Gelöbnisse nur Gültigkeit haben und verbindlich sind für die Personen, die sie gemacht haben. Dass spätere Generationen diese Gelöbnisse für sich jeweils neu nachvollziehen, bleibt ihnen unbenommen. Aber Angst zu bekommen, weil man gegebenenfalls ein Gelöbnis der Vorfahren nicht erfüllt, hat mehr heidnische Wurzeln, als dass diese Haltung vom christlichen Glauben geprägt ist.
Der Pfarrgemeinderat überlegt, ob nicht künftig wieder der lange Prozessionsweg gegangen werden soll; der Straßenverkehr allein kann kein Hinderungsgrund sein, wie es die Polizei bestätigt. (Siehe oben 1947 und 1951! Schon lang ist’s her.)
1987: Am 5. Juli ist es so weit, dass die Küppelprozession wieder den langen, althergebrachten Prozessionsweg zieht. Ein Kirchenchor aus Bocholt-Suderwich gestaltet die Prozession mit. Obschon wir auch die Bundesstraße 7 entlang ziehen müssen, gibt es keine Probleme, daß die Polizei (auch mit dem Freienohler Polizisten Herrn Knorr) den Verkehr regelt. Schließlich halten die Schützenbrüder ja auch ihre Umzüge auf der Bundesstraße ab. – Die Gemeinde freut sich diesmal über die Neuregelung.
1988: In diesem Jahr zieht erstmals die Fronleichnamsprozession am 2. Juni von der St. Nikolaus-Pfarrkirche durch die Rietbüsche zur St. Agatha-Kapelle in Olpe. Die Altäre sind am Stückelhahn-Kreuz, bei Familie Wiesemann / Rietbüsche und bei Familie Gerke (gegenüber dem Feuerwehrhaus). – Bereits auf der Pfarrversammlung am 4. Februar 1988 wurde die Prozession nach Olpe diskutiert. Künftig soll es alle vier Jahre, in jedem Schaltjahr so sein. In dem Jahr, wo die Prozession nach Olpe zieht, ist aber am Urbanus-Tag (25. Mai) ein Feldgottesdienst am Bergmecke-Kreuz, um die alte Urbanus-Prozession in Erinnerung zu behalten. – Die Prozession nach Olpe durch Wald und Feld hat allen gut gefallen; zumal sich die Olper viel Mühe gaben, um der Prozession einen würdigen Rahmen zu geben. Den gaben optisch auch die Olper Ministrantinnen und Ministranten in ihrer anderen geistlichen Kleidung! Dass die beiden Ministranten-Gruppen ihr eigenes Weihrauchgefäß – also zusammen zwei – mitnahmen, war klar.
Mit 1988 endet die Pfarrerchronik von Pfarrer Gerold. Die Prozessionen wurden jedenfalls weiter gefeiert, Jahr für Jahr, auch die nach Olpe, mal mit bedächtiger Ruhe, wenn das Wetter sehr schön war, mal etwas zügiger oder auch gestraffter, wenn sich Regen ankündigte. Zum äußeren Bild gehören die anführenden Ministranten, die Kommunionkinder, - an den Altären beide Gruppen immer sehr andächtig -, die Frauen, die Männer die Schützen, eine Gruppe vom Musikverein oder vom Tambourcorps, gut verteilt 8 Prozessionsfahnen, die roten immer am Schluss, und mitten drin unterm „Himmel“ – getragen vom Kirchenvorstand, natürlich in Schwarz, aber ohne Zylinder wie ganz früher – das Allerheiligste in der Monstranz, getragen vom Pfarrer. Und an jeder Station läuten – dank der Handys und der Sakristanin – die Kirchenglocken, damit keiner verloren geht. Schließlich tut es unserem Herzen gut, wenn wir Freienohler mit unserer Fronleichnams-Urbanus-Prozession die Bergmecke und die Urbanusstraße herunter kommen und dann unsere St. Nikolaus-Kirche vor uns sehen: gleich langen, breiten Bändern wehen die blauweißen und gelbweißen Fahnen vom Kirchturm. Aus seinen höchsten Schallöchern grüßen sie: „Nun kommt noch alle zum großen Te Deum!“ Drei Schützenbrüder: Paul Brenner, Aloys Becker und Erwin Kordel, die sich im Innern unseres Kirchturms bestens auskennen, haben sich mit dem Aushängen der Fahnen auf diesen Willkommensgruß spezialisiert. Weit tönendes Glockengeläut erlöst von allen Anstrengungen. Genau so erleichtert geht es zu, wenn wir nach der Küppelprozession den Breiten Weg hinaufziehen, noch kurz bei Schweiers Kreuz auf dem Marktplatz Station machen, bevor es in die Kirche geht und uns unser Organist Hans Mockenhaupt mit strahlendem Orgelspiel empfängt.
Unsere Ministranten gehen hinterher auf Kosten von St. Nikolaus Eis essen.- auch wohlverdient, denn das Kreuz tragen, die Fahnen, das genau abgestimmte Schellen mit vier Schellen, das Weihrauchfass regelmäßig mit Kohle und Weihrauch versorgen und dabei einigermaßen fromm aussehen, das ist nicht babyleicht (2009).
Die vielen Wiederholungen im 20. Jahrhundert – auch manchmal mit Stolpern – zeigen doch eigentlich wieder Holungen aus Glauben und Vernunft für Glauben und Vernunft.
Der oben stehende Text zum Thema Prozessionen wurde beendet im Mai 2009. Der folgende Text: „Schalom“ berichtet nicht ausdrücklich über die Prozessionen. Aber aufgrund des Glaubensinhalts der Prozessionen passt hierher dank des Hirten Pfarrer Ferdinand Gerwinn dieses Gedenken an das Zusammenleben Freienohler mit unseren Freienohler jüdischen Familien in der NS-Zeit und überhaupt über das Zusammenleben in der NS-Zeit. Dabei ist der ausdrückliche Bezug zu den Prozessionen ausgelassen. Dieser Schalom-Text wurde beendet im Januar 2021.
Schalom! Unserer Gerwinn-Straße!
Schalom! Unserem Pfarrer Ferdinand Gerwinn!
Schalom! Unsrem Gedenktag am 27. Januar 2021 und 1700 Jahre zurück ins Jahr 321 mit dem Dekret vom Römischen Kaiser Konstantin zum Bischof von Köln zum Einsatz für die Juden!
Erstens: Wir beginnen am Gedenktag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 1933 – 1945: am 27. Januar 2021 mit dem Dekret von 321, manchmal auch Edikt genannt. Natürlich war damals, 321 noch nicht bekannt die Verkündigung von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1986 insbesondere an die katholischen Christen: Die Juden sind unsere älteren Geschwister – „fratelli maggiori“! Auch nicht bekannt war die exquisite Lebens-Praxis für die Freienohler jüdischen Familien des Hirten Pfarrer Ferdinand Gerwinn. Auch nicht bekannt das politische Engagement in Freienohl im Jahr 1975 mit dem Straßen-Namen: Gerwinn-Straße.
Nun das Dekret von 321 auf Deutsch: „Durch reichsweit gültiges Gesetz erlauben wir allen Stadträten. Dass Juden in den Stadtrat berufen werden. Damit ihnen, - den Juden -, selbst aber etwas an Trost verbleibe für die bisherige Regelung, so gestatten wir. dass je zwei oder drei (...) aufgrund dauernder Privilegierung mit keinen (solchen) Berufungen belastet werden.“ (LVR Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln: Das Dekret von 321: Köln...) - Dies Gesetz (Dekret, Edikt) belegt auch aufgrund des Römischen Kaisers, dass Juden städtische Ämter in der Kurie, in der Stadtverwaltung Kölns besetzen dürfen und sollen. Dieses Edikt belegt eindeutig, dass jüdische Gemeinden bereits seit der Spätantike, des Frühmittelalters wichtiger integrativer Bestandteil der europäischen Kultur sind.
Zur Überleitung ein Zitat von Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz in „Frau – Männin – Menschin“: „Geschichte ist der Humus, auf dem die Zukunft wächst“.
Zweitens: Schalom! Unserem Pfarrer Ferdinand Gerwinn mit seinem Drumherum in Freienohl
Biographische Daten: Ferdinand Gerwinn: geb. am 17.7.1872 in Werl; Priesterweihe am 19.3.1896 in Paderborn; Vikar in Oschersleben / Sachsen und Annaberg – Buchholz / Sachsen; 1900 Pfarrvikar in Bitterfeld, dann Pfarrer in Bitterfeld; am 3.8.1916 Pfarrer in Freienohl, bis 1.10.1949, pensioniert, lebt in Freienohl im Pfarrhaus, 1953 vom Paderborner Erzbischof Ernennung zum Geistlichen Rat; am 17.1.1956 ernennt ihn die politische Gemeinde Freienohl zum Ehrenbürger, er stirbt am 3.6.1958 in Freienohl. Zum ganz persönlichen Mehr von Pfarrer Ferdinand Gerwinn: Sein geschichtlicher Einblick und Durchblick und sein durch und durch christlicher Glaube, durchwachsen mit der Tugend der Tapferkeit veranlassten unseren ganz besonderen Hirten, unsere Freienohler jüdischen Familien noch gerade rechtzeitig zu besuchen, abends, im Dunkeln, in seiner fußlangen schwarzen Soutane: Noch vor ihrer Verfolgung müssen sie fliehen, Deutschland verlassen. Einige sind nicht weit genug geflohen. Nur bis Holland. Aus Geldmangel. – Literatur und Filme wissen mehr vom Leiden.
Drei Abschnitte zum Grundlagen-Verstehen:
Erstens: Zwei Freienohler jüdische Familien-Daten zeigen das Zusammenleben noch vor der Nazi-Zeit: Familie Rosenthal und Familie Emmerich
Und wer auch noch die „Zeitungsberichte“ und die „Protokoll-Bücher der Gemeinde-Protokolle“ von Freienohl nach Arnsberg aus dem 19. und zu Beginn des 20.Jahrhunderts liest (im Stadtarchiv Meschede in Grevenstein), der lernt auch kennen das berufliche Zusammenarbeiten aller Freienohler in Freienohl und nach draußen. Darum folgen hier die wohl vollständigen Familien-Register gerade dieser beiden jüdischen Familien.
Familie Rosenthal
Leser Rosenthal, Handelsmann (auch geschrieben: Leeser, Lazarus) geb. ca. 1812 (auch 1822) in Beringhausen bei Brilon. Seit 1842/43 in Freienohl. Heirat am 25.3./5.1845 mit Julie (Julchen) geb. Rotschild aus Hovestadt (Herstadt, Hauenstadt) Kr. Soest, geb. 07.10.1819 (auch ca. 1824). Beider Sterbedaten in Freinohl nicht aktenkundig; Datum eines wohl möglichen Umzugs auch nicht. Kinder von Leser und Julie Rosenthal:
1.Joseph Benjamin Rosenthal, geb. 17.02.1846 in Freienohl. Nach jüdischer Sitte führte er als zweiten Vornamen den Vornamen des Vaters. 1866 als Soldat, Musketier gemeldet im Verzeichnis israelitischer Gemeindemitglieder zu Freienohl. Er fiel im Krieg gegen Frankreich am o6.o8.1870 in Wörth. Auf dem Krieger-Denkmal rechts vom Alten Amtshaus steht sein Name.
2.Sophia Rosenthal, geb. 06.05.1847 in Freienohl. Konvertierte Jüdin. Erste Hl. Kommunion: 20.6.1869. Trauungsregister Freienohl: 20.7.1869: Sophia Rosenthal mit Johann Schilling, Anstreicher-Meister, aus Eslohe; Trau-Zeugen: Joseph Gördes, Carolina Koßmann.
Ihre Kinder: Geburtsregister Freienohl: 1. Sophia Schilling-Rosenthal, geb. 6.5.1869 Freienohl; Taufe 12.6.1869 in Freienohl, Paten: Antonette Bause, Lehrerin, Gertrud Bunse, Anton Geihsler, Wilhelm Lutter, Lehrer und Küster. 2. Lea Schilling, geb. 11.4.1872, Taufe: 14.4.1872, Taufpaten: Otto Schilling, Lehrer zu Breitenbruch, Franz Weber, Theresia Lenze, Christina Toenne.
Familie Johann Schilling + Sophia Rosenthal + Tochter Sophia und Lea wohnen ab 1879 zur Miete im neuen Schulhaus (späteres Amtshaus) (siehe Kapitel: Unsere Schule).
3.Lisette Rosenthal, geb. 16.11.1849 in Freienohl, gest. 14.1.1850 als Kleinstkind.
4.Benjamin Rosenthal, geb. 15.12.1850 in Freienohl, gest. 4.1.1851 als Kleinstkind.
5.Albert Rosenthal, geb. 23.11.1851 in Freienohl, gest. 9.12.1851 als Kleinstkind.
6.Hermann Rosenthal, geb. 10.07.1853 in Freienohl, gest. 25.7.1853 als Kleinstkind.
7.Hedwig Rosenthal, geb. 21.06.1854 in Freienohl. Tod nicht aktenkundig, s.o. 20.2.1869.
8.Helene Rosenthal, geb. 11(7.?).06.1855 in Freienohl, gest. 10.8.1855 als Kleinstkind.
9.Julius Rosenthal, geb. 31.08.1856 in Freienohl, gest. 15.9.1856 als Kleinstkind.
10.Jettchen Rosenthal, geb. 07.11.1858 in Freienohl. Heiratete am 20.08.1877 Alexander Emmerich.
Anmerkungen: Was haben mitgemacht, gelitten, erduldet, geglaubt, gehofft die Ehefrau und Mutter Julchen Rosenthal? - der Ehemann und Vater und Geschäftsmann Leser Rosenthal? - die beiden älteren Geschwister Joseph, der 1871 als Soldat „gefallen“ ist? - die Tochter Sophia, die 1869 vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertierte, sicher auch aus Liebe zu ihrem nichtjüdischen Ehegatten? - und was mögen die Freienohler, die Katholiken gedacht, geredet, getan haben? Von all dem ist nichts aktenkundig! Ehefrau Sophia Schilling geb. Rosenthal wird als kleines, junges Mädchen den Garten ihrer Eltern Leser Rosenthal und Julchen Rotschild, als da noch nicht die damals neue Schule stand, sicher mit besorgt haben. Parzelle 809; das spätere Amtshaus.Am 31. Mai 1880 kündigt Johann Schilling mit seiner Familie den Pachtvertrag bezüglich der Wohnungim neuen Schulhaus, weil er nach Arnsberg umzieht. Er hat in den Maschinenwerkstätten in Arnsberg „seitens“ der Bergisch-Märkischen Bahnverwaltung dauernde Beschäftigung gefunden. - Bei dieser Familie Leser Rosenthal sind schon auffällig die nichtjüdischen Vornamen.
Familie Emmerich
Die z.Zt.: 2009 wohl gründlichste Familiengeschichte ist die von Josef Göckeler, Arnsberg. Von ihm seien von dieser jüdischen Familie in Freienohl hier nur die Stammbaum-Daten übernommen.
Die Vorfahren der Familie Emmerich sind wahrscheinlich um 1700 von Spanien nach Emmerich am Niederrhein gezogen und haben auch von dort ihren Namen erhalten. Von hier mag die Verbindung nach Drensteinfurt herrühren zu Henriette Hanzlik; siehe unten 15. Juli 1936.
Wolf Emmerich (auch Wolff geschrieben), Handelsmann, geb. ca. 1803 Vinsebeck Kreis Höxter, gest. 18.10. 1864, verheiratet Henriette Eber (auch Everz / Evers geschrieben), geb. ca. 1807 Neuenkirchen, gest. 15.04.18?6 Steinheim, das Ehepaar lebte in Steinheim Kreis Höxter.
Alexander Emmerich, Kaufmann, Sohn von Wolf Emmerich, geb. 11.12.1846 Vinsebeck, gest. 16.02.1933 in Freienohl, bestattet auf dem jüd. Friedhof in Arnsberg; Heirat mit
Jettchen Rosenthal am 20.08.1877, Tochter von Leser und Julie Rosenthal (s.o.); geb. 07.11.1858 in Freienohl, Trauzeugen: Gemeinde-Vorsteher Caspar Tönne und Schreiner Adolph Feldmann (dies zeigt gemeinde-öffentliche Hochachtung); gest. 14.12.1938; in Arnsberg beigesetzt, Standesamt Arnsberg Nr. 192/1938. Wohnungswechsel von Freienohl nach Arnsberg im Dezember 1936. Nazi-Regime-bedingt. Ab 1936 Haus Hömberg.
Kinder von Alexander und Jettchen Emmerich:
1. Wilhelm Emmerich, geb. 13.9.1879 in Freienohl, als junger Mann ? verstorben.
2. Alma Emmerich, geb. ? in Freienohl, als Kind verstorben.
3. Debora gen. Nora Emmerich, geb. 20.10.1881 (auch 20.6.1882) in Freienohl; ermordet / vergast zwischen 1943 und 1945 im KZ Auschwitz. Sie war verheiratet, - etwa 1903/1904 - , mit Max Funke, geb. 10.06.1867 in Arnsberg. Max Funke gehört nicht zur Freienohler Familie Funke gnt. Schilling; seine Familie stammt aus Wenholthausen, ursprünglich katholische, dann jüdischen Glaubens („Juden in Arnsberg“ 1991, M. Gosmann, S. 167). Ihre Tochter Hilde, geb. 15.2.1905 in Arnsberg. Sie besuchte das „Lyzeum der Armen Schulschwestern“ (später: Mädchen-Gymnasium: Mariengymnasium, Königsstraße). - Das wohlhabende Ehepaar Funke / Emmerich besaß in Arnsberg auf dem Steinweg ein florierendes Textilwarengeschäft mit mehreren Verkäuferinnen und einem Dekorateur. Im März 1933 wurde vor dem Geschäft ein Schild aufgestellt: „Kauft nicht bei Juden! Wer bei Juden kauft, verrät das Vaterland!“ Bald schon verfügte die Familie über keine Einnahmen mehr. Das Geschäft wurde 1934 an eine Familie aus dem Ruhrgebiet vermietet. Auch im Wohnhaus musste eine Etage vermietet werden. Die offene Verfolgung setzte am 9./10. November 1938 mit der „Reichskristallnacht“ ein. Weihnachten 1938 floh das Ehepaar zu Verwandten nach Holland – wie zahlreiche deutsche Juden. Max Funke starb am 06.03.1943 in Dinxperlo / Niederlande, Pastoriestraat 160 Debora Funke geb. Emmerich wurde dort aber auch „aufgetrieben“. Tochter Hilde hatte vor 1937 den jüdischen Geschäftsmann Hermann Herz aus Kassel geheiratet und konnte mit ihm um 1937 nach Amerika flüchten; dann wohnhaft in Long Beach, 28 Niete Avenue, California, USA. Tochter Hilde hat 1950 beantragt, ihre Mutter für tot zu erklären. Einer Auskunft des Niederländischen Roten Kreuzes vom 14. Dezember 1950 zufolge ist die Verschollene (Gesetzes-Sprache) am 9. April 1943 aufgrund ihrer jüdischen Abstammung im Konzentrationslager Westerbork (Holland) interniert und von dort mit einem Krankentransport nach Auschwitz deportiert worden. Seit dem liegen über ihr weiteres Schicksal keinerlei Nachrichten vor. Nach dem Verschollenengesetz § 7a wird dem Antrag stattgegeben und ihr Tod auf den 8. Mai 1945 angesetzt. Anzahl und Namen weiterer Kinder von Max Funke und Debora geb. Emmerich sind unbekannt (am 1.12.1950).
4. Julius Emmerich, geb. 11.8.1883 in Freienohl, als junger Mann ausgewandert nach Amerika.
5. Alfred Emmerich, geb. 10.01.1885 in Freienohl, gest. 19.04.1947 in La Paz / Bolivien,
Heirat mit Irma Schreiber am 18.06.1922, geb. 14.06.1894 in Witten-Annen,
gest. 04.02.1978 in Portland / USA. Ehepaar Alfred Emmerich abgemeldet nach Arnsberg, Bahnhofstr. 104 am 1.2.1937; Irma Emmerich geb. Schreiber war im Geschäft tätig und führte vor allem die Buchhaltung; (s.u. 15. Juli 1936: Henriette Hanslik)
Ausbildung, Lehre der Kinder von Alexander und Jettchen Emmerich: Daten aus den An- und Abmelde-Listen im Archiv Freienohl:
Wilhelm Emmerich: Am 4.1.1904 von Hamburg nach Freienohl, Handlungs-Gehilfe (Kaufm. Lehrling). Am 16.2.1904 von Freienohl nach Hamburg.
Nora Emmerich; Am 11.5.1897 von Freienohl nach Euskirchen.
Julius Emmerich: Am 20.9.1899 von Freienohl nach Gelsenkirchen, als „Stift“, Lehrling. Am 19.12.1900 von Bismarck (?) nach Freienohl. Am 26.9.1906: Militär-Reservist: von Diedenhofen nach Freienohl. Am 15.8.1907 von Freienohl nach New Yorck, Kaufmann. Am 13.5.11911 aus Anröchte nach Freienohl. Am 15.8.1911 von Freienohl nach Anröchte.
Alfred Emmerich: Am 7.2.1899 von Freienohl nach Seesen (?). Am 7.7.1923 von Freienohl nach Arnsberg mit Ehefrau Irma. Am 23.8.1923 von Arnsberg nach Freienohl mit Ehefrau Irma.
Kinder von Alfred Emmerich:
1.Hans-Walter Emmerich, geb. 10.11.1924 in Freienohl. Gest. 12.04.1991 in Saarburg. Ausbildung, Schule: Am 24.4.1935 von Freienohl nach Coburg. Heirat am 06.11.1941 mit Marianne Capouner. Anschrift 1988: Pontinusweg 15, 5000 Köln 40. Sie haben 3 Kinder: Irene: geb. 04.11.1952, La Paz / Bolivien; Erika: geb. 06.02.1956, La Paz / Bolivien; Peter: geb. 07.01.1960, La Paz / Bolivien.
2. Ruth Emmerich, geb. 10 (30.?).01.1927 in Freienohl. abgemeldet nach Arnsberg, Bahnhofstr. 104 am 1.2.1937 (s.o). Heirat am xx.03.1951 mit Sigi Schnell, Stettin. Ausgewandert nach Vancouver, Oregon, USA.
Besuch? Anna Emmerich, Witwe, geb. Goldschmidt, geb. 7.3.1889 in Hamburg: am 21.6.1919 von Hamburg nach Freienohl; am 1.9.1919 von Freienohl nach Arnsberg.
Zweitens: Konkretes Leben in der NS-Zeit: Lehrerin Kenter II mit Johanna Kückenhoff und zwei „gichtkranke“ Frauen und Freienohler in Arbeitslagern und Fronleichnamsprozession mit Pfarrer Gerwinn. Ausgeklammert sind die jüdischen Familien.
Jetzt zur LehrerinFranziska Kenter II und der Nationalsozialismus:
Am 28. Juni 1934 teilt der Amts-Beigeordnete Joseph Kückenhoff im Auftrag des Bürgermeisters der „Jungfrauenkongregation“ (in der Pfarrgemeinde St. Nikolaus-Freienohl) mit: „Um weitere Zusammenstöße mit der HJ (Hitler-Jugend) zu vermeiden, ist neben dem Verbot des Tragens von Uniformen oder Uniform-Stücken durch konfessionelle Jugendverbände nunmehr angeordnet, dass den konfessionellen Verbänden auch das Tragen aller Abzeichen verboten ist. Dazu gehört auch das Christus-Abzeichen der Neudeutschen (Verband katholischer Schüler Höherer Lehranstalten).“ (um 2010: nd-netz.de; ksj-pb.de)
Aus einem Brief vom 28. Dezember 1934 vom Freienohler Amtsbürgermeister Michel an den Freienohler Pfarrer Ferdinand Gerwinn, zusammengefasst: Alle Erwachsenen-Organisationen dürfen aufgrund einer Verfügung ihre Veranstaltungen nicht mehr in der Schule durchführen. Die Jungfrauen-Kongregation musste in dieses Verbot als Verein Erwachsener mit eingeschlossen werden. - In den damaligen katholischen Pfarreien bestanden die Jungfrauen-Kongregationen aus jungen Mädchen, nicht aus Schul-Mädchen und nicht aus erwachsenen Frauen; die meisten Jugendverbände waren damals noch geschlechts-getrennt.
Knapp 3 Monate später: am 15. März 1935: Frl. Kenter II ist 47 Jahre alt!Aus einem Bericht des Freienohler Ortsgruppenleiters Joseph Kückenhoff an die Kreisleitung der NSDAP (National-Sozialistische Deutsche Arbeiter Partei) in Arnsberg: Auszüge: „In meinem Bericht von Mai 1933 habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Lehrerin Kenter nicht im Geiste der nationalen Regierung arbeitet … oft (habe ich mich) beschwert beim Schulrat und Kreisleiter... Fast in jeder Versammlung der Parteigenossen Klagen eingebracht, über die meist schon schriftlich und mündlich berichtet ist. (1.) Kenter und Walter (Lehrer Heinrich Walter) lehnten Eintritt in die NSV ab, darüber bei armen Parteigenossen und Notstandsarbeitern Erregung. … (3.) Schw. Johanna (Schwester von Joseph Kückenhoff) hat abgelehnt, im BDM zu helfen (Bund Deutscher Mädchen, die weibliche Parallele zur männlichen HJ). (4.) Geistige Urheberin (Kenter II ist gemeint) der Frohschar, denn die geht vom Frauenbund aus. (5.) Treibende Kraft für alle Schwierigkeiten (mit) der Frauenschaft (NSDAP zugehörig). Bis dahin stand der Frauenbund nur auf dem Papier, dann wurde er Kampfbund. (6.) Kenter wusste ihre Wühlarbeit geschickt zu verschleiern. Es steht nämlich einwandfrei fest, dass sie die Konrektorin Köster, wie auch die Lehrerin Zimmermann davon abgehalten hat, der Frauenschaft beizutreten. Sie hat wörtlich zu ihnen gesagt: „Es darf sich keiner aufnehmen lassen, wie müssen in dieser Sache zusammenhalten.“ (7.) Sie hat den Deutschen Gruß bei Kückenhoff auf der Straße und sogar auf dem Schulplatz abgelehnt (erhobener rechterausgestreckter Arm und rechte Hand, über Kopfhöhe, dabei die Worte: „Heil Hitler“). (8.)... Von der Partei wird ihr deshalb das allergrößte Misstrauen entgegen gebracht. Denn sie bestätigt sich in der Öffentlichkeit nur, um zu hetzen oder um Uneinigkeit zu stiften. Durch ihre Eigenschaft und die Verwandtschaft mit mehreren Lehrern („im übertragenen Sinn“) hat sie Uneinigkeit auch unter die Lehrpersonen getragen. Aus allen diesen Gründen ist die Lehrerin Kenter für die Partei in Freienohl nicht mehr tragbar. Ich bitte dringend darum zu veranlassen, dass sie weit genug von hier versetzt wird, damit sie ihren unheilvollen Einfluss nicht weiter ausüben kann.“
Freienohl, am 28. März 1935: der Amtsinspektor Korbmacher schreibt:
„Es erscheint der Maurer Adalbert Korte zu Freienohl wohnend und trägt vor: „Am letzten Sonnabend war allgemeiner Wandertag für die Schulkinder. Die Schulkinder der Klasse von Fräulein Kenter haben mit dieser einen Ausflug nach Wallen gemacht. Zu dieser Wanderung beabsichtigten die Kinder, einen Hakenkreuz-Wimpel mitzunehmen. Fräulein Kenter soll gesagt haben, der Wimpel sei zu schwer und soll derselbe in ein Haus gestellt worden sein. Die Lehrerin habe gesagt, sie könnten wohl einen Wimpel Blauweiß mitnehmen. Die Kinder haben das Lied angestimmt „Durchs Sauerland marschieren wir“, worauf Fräulein Kenter gesagt haben soll, es würden keine Marschlieder sondern Wanderlieder gesungen. Ich bringe diese Sache hiermit zur Anzeige und bitte um Anstellung weiterer Mitteilungen.“
Der Brief vom Hauptwachtmeister Stahl:
Freienohl, den 5. April 1935: An die Polizeiverwaltung in Freienohl: „Seit ungefähr 14 Tagen besteht in Freienohl eine Vereinigung „Frohschar“. Gründer derselben ist der Pfarrer Gerwinn in Freienohl, welchem angeblich von seiner vorgesetzten, bischöflichen Behörde die Gründung der Frohschar empfohlen worden ist. Als Leiterin der Frohschar wurde von Pfarrer Gerwinn die Haustochter Else Hehmann in Freienohl bestimmt, welche gemeinsam mit der Fürsorgeschwester Irmfrieda den Verein leitet. Es fand bisher eine Zusammenkunft der Frohschar statt und zwar am 28.3.1935 im Schwesternhause, woran etwa 20 Mädchen teilnehmen. Während dieser Veranstaltung, welche ungefähr 1 ½ Stunde dauerte, wurden Spiele aufgeführt und gesungen. Wie ich von der Leiterin Hehmann erfuhr, sollen später auch religiöse Vorträge gehalten werden. Weiter habe ich festgestellt, dass bis jetzt 39 über 10 Jahre alte Mädchen aus den oberen Schulklassen der Frohschar beigetreten sind. Auch habe ich erfahren, dass 7 von diesen Mädchen, welche heute noch dem BDM angehören, aus diesem austreten wollen und zwar mit der Begründung, dass bei der Frohschar keine Beiträge erhoben und ihnen dort dasselbe geboten würde wie bei dem BDM. Von einem Kinde wurde berichtet, dass die Frau des Dr. Dehen ihnen versprochen habe, dass sie auch wie bei dem BDM weiße Blusen tragen dürften und auch Wanderungen gemacht würden. Zur Werbung für die Frohschar wurden von der Fürsorgeschwester Irmfrieda die Schülerinnen Therese Feldmann und Angelika Figge beauftragt, wozu letztere zum BDM gehört und alleine 19 Schülerinnen zur Aufnahme bei der Frohschar bewogen hat. Die Schülerin Else Winterhoff ist bereits aus dem BDM ausgetreten. Ob und wie die Lehrerin Kenter bei der Gründung der Frohschar beteiligt war, konnte ich nicht feststellen. Es ist aber mit aller Bestimmtheit anzunehmen, dass sie wie bei der Gründung anderer derartiger Vereine ihre Hand im Spiel hatte. Da die Kenter weiß, dass sie sich als Beamtin in dieser Weise nicht öffentlich betätigen darf, liegt die Vermutung nahe, dass ihre Mitwirkung in versteckter Form geschehen ist. Der Leiter der Schule, Rektor Breitenbach, der von der Gründung der Frohschar vorher nichts wusste, hat nach Bekanntwerden eine gründliche Untersuchung der Angelegenheit vorgenommen. Auf sein Zureden sind 6 Mädchen aus der Frohschar wieder ausgetreten. – Über die Mitführung des Hakenkreuz-Wimpels bei einer Wanderung habe ich folgendes festgestellt: An einem Wandertag im September vorigen Jahres wurde von den Mädchen der Klasse Kenter ein Hakenkreuz-Wimpel mitgebracht. Die Klasse führte diesen an der Spitze des Zuges mit durch den Ort bis zur Rümmecke. Dort wurde er auf Geheiß der Lehrerin Kenter bis zur Rückkehr in einem Hause bei der Familie Schröer untergestellt. Die Lehrerin soll als Grund angegeben haben, es sei kalt, der Wimpel würde den Kindern beim Streifen durch den Wald hinderlich sein und wäre auch zu schwer. Einige Kinder, die absolut darauf bestanden hätten, den Wimpel weiter mitzuführen, hätten sogar geweint, wie ihnen dieses verboten wurde. Ferner hat ein Mädchen ausgesagt, dass ihnen auf dieser Wanderung das Singen des Liedes „Durch’s Sauerland marschieren wir“ von der Lehrerin Kenter verboten worden sei mit dem Hinweis, dass nur Wanderlieder gesungen werden dürften. Ob die Lehrerin Kenter gesagt hat, dass blauweiße Wimpel mitgeführt werden dürften, konnte ich nicht feststellen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass die Kenter eine ausgesprochene Gegnerin des heutigen Systems ist, welches sämtlichen Parteigenossen zur Genüge bekannt ist. So erwidert sie noch nicht einmal dem Ortsgruppenleiter Kückenhoff den Deutschen Gruß, obgleich ihr Kückenhoff seit langen Jahren bekannt ist und nie etwas Persönliches mit ihr gehabt hat. gez. Stahl, Hauptwachtmeister.“
Siehe auch ausführlicher Kapitel 22 und 23 im Groß-Text „Frau, Frauen in Freienohl“ mit Quellen von Heinrich Pasternak.
Am 29. April 1935: Auf Vorladung erscheint die Lehrerin Franziska Kenter und sagt,... Im vorigen Jahre, den Zeitpunkt kann ich nicht mehr genau angeben, fand eine Schulwanderung statt und zwar führte ich die Mädchen-Mittelklasse des V. und VI. Schuljahres. An der Spitze wurde ein Hakenkreuz-Wimpel geführt und zwar von der Schule aus Freienohl zur Rümmecke. Hier habe ich angeordnet und zu dem Kinde gesagt, es möge der Wimpel hier in ein Haus gestellt werden, da wir gleich in den Wald kämen und derselbe beim Streifen durch den Wald hinderlich sei. Wir kämen denselben Weg zurück und würden denselben dann bei unserem Rückzug in Freienohl zur Schule wieder mitführen, was auch geschehen ist. Ich habe mir hierbei weiter nichts gedacht und nur im Interesse der Kinder gehandelt. Dass hierüber ein Kind geweint haben soll, ist mir nicht bekannt, dieses halte ich aber auch für ausgeschlossen. Es ist mir auch nicht erinnerlich, dass ich den Mädchen das Singen eines Liedes verboten habe, auch die Kinder können sich dessen nicht erinnern. Ein blauweißer Wimpel ist bei unseren Wanderungen nie mitgeführt worden... Alle gegenteiligen Anwürfe muss ich mit Entrüstung zurückweisen. Seit Gründung bin ich Mitglied des NS-Lehrerbundes. – gez. Franziska Kenter - gez. Korbmacher, Amtsinspektor.“
Lehrerin Franziska Kenter II ist 1935, 50-jährig, zur Strafe nach Kallenhardt versetzt worden. Auszug aus der „Schul-Chronik I“: „Am 4. Juli 1935: Frl. Lehrerin Kenter ist erkrankt und muss vom 14. Juni bis 30. Juni vom Kollegium vertreten werden.“ - „Am 1. Juli: Lehrerin Franziska Kenter II ist durch Verfügung der Regierung ab 1. Juli im Interesse des Dienstes nach Kallenhardt Kreis Lippstadt versetzt. Soweit Lehrerin Kenter II.
Nun mehr als ein anderer Akzent:
Freienohler mussten aus politischen, parteipolitischen Gründen: Kommunistische Partei Deutschland - KPD ins Arbeitslager, KZ, ins Gefängnis der Gestapo (Geheime Staatspolizei). Auch nach der Haft werden einige das „Lied der Moorsoldaten“ vom KZ Börgermoor im Emsland gesungen haben.
Name | Geb.Datum | Haft | Von - bis |
Bürger, August Bürger, Klemens Hunold, Otto Klauke, Ewald Klauke, Heinrich Kossmann, Karl Latzer, Josef Pinke, Josef Schwefer, Emil |
28.12.1899 30.6.1908 18.4.1894 20.9.1885 1.12.1901 ? 2.4.1901 26.4.1901 |
Arnsberg, KZ Börgermoor KZ (Ort nicht genannt) Arnsberg, Witten Arnsberg Arnsberg,Hamm.Hagen,Arnsberg Freienohl, Arnsberg, KZ Oranienburg Arnsberg Arnsberg Arnsberg |
1.10.33 – 24.12.33 18.4.34 – 10.2.35 28.2.33 – 31.8.33 28.2.33 – 2.6.33 28.2.33 – 19.2.35 28.2.33 – 19.6.33 1.11.33 – 10.6.34 ? 28.2.33 – 31.5.33 ?. 12.34 - ?.1.35 |
Zwei „gichtkranke“ listige Frauen vermeiden den Hitlergruß, ehemalige Schülerinnen von Fräulein Kenter II:
Beim sich Erinnern an Fräulein Lehrerin Franziska Kenter II und an die Nazi-Zeit fallen älteren jetzigen Freienohlerinnen (2015) diese Begebenheit ein. Ihr Name sei hier nicht genannt: Da wurden 2 Frauen beim Freienohler Bürgermeister angezeigt, sie machen keinen „richtigen Hitlergruß“ Sie erheben ihren rechten Arm mit ausgestreckter Hand nicht ganz gerade und hoch und sagen nicht richtig „Heil Hitler“. Der Bürgermeister gab den Vorwurf weiter nach Arnsberg und die Frauen mussten zum Amtsgericht. Dort sollten sie den Hitlergruß einmal vormachen. Fast wörtliche Rede: Das schafften sie nicht. Kaum bis zur Gürtellinie. Ihr Gesicht verzerrte sich schon. Sie seien auch älter und sie hätten Gicht in den Armen. Der Richter war oder schien sehr beeindruckt zu sein. Und die Frauen konnten unbestraft wieder zurück in die Freiheit Freienohl.
Fronleichnamsprozession mit Pfarrer Gerwinn – etwas Wiederholung
1939, 5. Juni: „Durch Verfügung II U 2 vom 31.5.1939 hat der Herr Regierungspräsident die folgende Anordnung des Herrn Oberpräsidenten bekannt gegeben (für die Volksschule Freienohl): Am Fronleichnamstage dieses Jahres findet planmäßiger Unterricht statt. Um den katholischen Lehrern und Schülern die Möglichkeit zu geben, den Gottesdienst zu besuchen, fällt für sie der Unterricht in der ersten Stunde aus. An Schulen, die auch von nichtkatholischen Lehrern und Schülern besucht werden, fällt der Unterricht in der ersten Stunde auch für diese aus, wenn nach Ermessen des Schulleiters ein fruchtbringender Unterricht für sie nicht möglich ist… Auf die genaueste Befolgung dieser Anordnung weise ich nachdrücklich hin. In der hiesigen Schule beginnt der Unterricht am Fronleichnamstage um 9 Uhr.“
1940, 10. Mai vom Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Münster; über den Herrn Regierungspräsidenten der Provinz, Arnsberg, am 12. Mai 1940;über die hauptamtlichen Bürgermeister am 15. Mai 1940 an die Pfarrer: „Im Hinblick auf die gegenwärtige Lage müssen bis auf weiteres im Bereich der Provinz Westfalen alle öffentlichen Umzüge unterbleiben. Darunter fällt grundsätzlich auch die diesjährige Fronleichnamsprozession. Es ist jedoch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Prozession in Form eines Umganges um das Kirchengebäude abgehalten wird, soweit nicht eine akute Luftgefahr vorliegt.“ („Luftgefahr“: Flugzeug-Angriff mit Bomben.Abwurf)
1941, 19. Mai, ein Text vom Landrat. Pfarrer Gerwinn macht die Anmerkung: „Ein Umzug um die Kirche kommt hier wegen der Beschränktheit der Mauer nicht in Frage. Infolgedessen fallen in diesen Wochen die Prozessionen aus.“
1942, 1. Juni: Die Geheime Staatspolizei Dortmund an die Landräte usw. bis zur Ortspolizei: „Eilt sehr! Vertraulich!“ Klar, der Fronleichnamstermin steht fest. Es geht um „die Verordnung über die Handhabung des Feiertagsrechtes während des Krieges… Ich ersuche, die Veranstaltungen der Kirchen sowohl am Donnerstag, dem 4.6.1942 als auch am Sonntag, dem 7.6.1942 zu überwachen. Die Überwachung bezieht sich auch auf die Beteiligung am Gottesdienst, sowie auf die angesetzten Feierlichkeiten. Insbesondere ist darauf zu achten, ob von den Geistlichen die Verlegung und die damit verbundenen Feierlichkeiten innegehalten werden. Bei festgestellten Verstößen bitte ich den Namen des verantwortlichen Geistlichen anzugeben. Um Bericht bis zum 13.6.1942 – genau - … Fehlanzeige ist erforderlich.“
1942, 8. Juni: Amt Freienohl: „Fehlanzeige“.
1945, 1. Mai: Pfarrer Gerwinn an das Bürgermeisteramt in Freienohl: „Seitens der Mitglieder der hiesigen Pfarrgemeinde ist mir wiederholt der lebhafte Wunsch ausgesprochen worden, dass die drei seit Jahrhunderten üblichen Prozessionen, die in den letzten 6 Jahren verboten waren, wieder gehalten werden möchten… (Die 3 Prozessionen werden mit den entsprechenden Terminen aufgeführt.) Es wäre wünschenswert, wenn für diese 3 Tage die Zeit zur Benutzung der Straße auf morgens 6 Uhr heraufgesetzt würde, damit der Gottesdienst zeitiger beginnen kann.“
1945, 9. Mai 00.01 Uhr: Die deutsche Kapitulation tritt in Kraft. Ende der NS-Zeit.
Ganz anders die Jahre danach. Ein paar Tage vor der Prozession (auch vor der „Küppel-Prozession“) ein Informationsbrief an die Polizei-Freienohl vom MM (Ministranten-Meister Heinrich Pasternak, bis 2010):
Freienohl, 11.04.2002: Polizei – Dienststelle Freienohl: Herrn Schillheim Betr.: Fronleichnamsprozession, 30. Mai 2002 Sehr geehrter Herr Schillheim, im Auftrag von Herrn Pfarrer Hammerschmidt bitte ich Sie um Ihre Hilfe bei unserer Fronleichnamsprozession am Donnerstag, dem 30. Mai 2002. Die Hl. Messe beginnt in der St. Nikolaus-Pfarrkirche um 9.00 Uhr und endet etwa um 9.50. Dann beginnt sofort die Prozession. Die Strecke: Ausgang Hauptportal / Treppen Hauptportal / Nikolausstraße / Hauptstraße / Marktplatz : Schweiers Kreuz = 1. Station / Bergstraße (vom Einbiegen in die Hauptstraße und dann vom Marktplatz in die Bergstraße dürfte Ihre Hilfe sinnvoll sein) Stückelhahn : 2. Station / Prozessionsweg : Kreuzweg / Bergmecke-Kreuz : 3. Station / Urbanusstraße / Alter Weg : 4. Station / Hauptstraße (ab hier wieder Ihre Hilfe bis zum Einbiegen in die Nikolausstraße; Uhrzeit etwa 11.10 Uhr, Dauer 10 Minuten) / Treppen Hauptportal / Hauptportal Kirche. An der Spitze der Prozession gehe wieder ich, am Schluss 2 von mir beauftragte Ministranten mit den roten Prozessionsfahnen. Mit freundlichem Gruß
Drittens: Pfarrer Gerwinn, der Hirte der Freienohler Juden, ihr Wohnhaus in Freienohl, ihre Flucht, ihre Ermordung im KZ
Die Wohnhäuser unserer Freienohler Juden
Hauptstr. 31: Debora Funke geb. Emmerich, geb. 1881 in Freienohl, vergast im KZ Auschwitz behördlich als tot erklärt zum 8. Mai 1945. Sie war in Arnsberg verheiratet mit Max Funke, geb. 1867, gest. 1943 in Dinxperlo / Niederlande. Ihre Eltern: Alexander Emmerich verheiratet mit Jettchen Rosenthal, deren Kinder: Wilhelm, Alma, Debora, Julius, Alfred.
Bergstr. 9: Meier Max Jacob (Jacob = Nachname), geb. 1885 in Freienohl, verheiratet 1910 mit Jenny Grüneberg, geb. 1883 in Allendorf; deren Kinder: Erich, Henriette, Ilse, Werner und Grete Fanny Jacob, geb. 1921 in Lenhausen (dorthin war die Familie etwa 1910 umgezogen); Grete Fanny Jacob wurde mit 21 Jahren im November 1942 im KZ Lublin vergast; ihre Eltern wurden vergast im KZ Lublin zwischen 1943 – 1945.
Hauptstr. 3: Henriette Nathan geb. Hertz und ihre Tochter Hilde Fanny Nathan. Henriette Nathan geb. Hertz, geb. 1885 in Grevenbroich bei Köln, verheiratet mit Joseph Nathan, geb. 1882 in Beelen / Warendorf, gest. 1931 in Freienohl; ihre Tochter Hilde Fanny Nathan, geb. 1909 in Freienohl. Mutter und Tochter sind 1931 umgezogen nach Köln. Von Köln werden beide 1939 deportiert ins KZ Litzmannstadt / Lodz und werden dort vergast; ihr Sterbedatum ist unbekannt. Behördlich werden sie zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Bergstr. 9: Rosalie Jacob, geb. 13.9.1886 in Freienohl, in Düsseldorf verheiratet mit Karl Winter mit ihren beiden Kindern Rolf und Adolf Winter; als verschollen erklärt zum 1. November 1941, als durch das Nazi-Regime für tot erklärt zum 8. Mai 1945.
Drittens: Schalom unserer Gerwinn-Straße!
Plus Dank unseren Freienohler Politikern, unseren politisch engagierten Freienohlern rund um 1974, 1975! Denn in diesen Monaten der politischen Neugliederung, Neuordnung wurde unsere politische Gemeinde Freienohl eingegliedert, eingeordnet in die Kreis- und Hochschulstadt Meschede. Und erhielt neue Straßennamen. Zum Beispiel: wegen KAS, - wegen unserer Konrad-Adenauer-Schule: Konrad-Adenauer- Straße, wegen unserer Partnerschaft mit Cousolre in Frankreich: Cousolre-Straße, und dann selbstverständlich: Kurt-Schumacher-Straße. Doch die exquisite Auswahl und Leistung war: Gerwinn-Straße.
Dank unseres Pfarrers Ferdinand Gerwinn brauchen wir Freienohler keine „Stolpersteine“, - wie zum Beispiel Meschede -, wir haben unsere Gerwinn-Straße!
Und wir feiern in unserer Bundesrepublik Deutschland Jahr für Jahr am 27. Januar unseren „Tag des Gedenkens an die Opfer der Nationalsozialismus“.
Noch etwas mehr als ein Anhängsel: eine inhaltlich deutlich positionierte Gedenktafel köntte von fördernden Freienohler Vereinen und Gruppen aufgestellt werden:
Mahnmal Wir Freienohler gedenken! Denkmal
Machtmissbrauch vom Nazi-Regime 1933 - 1945 |
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Heinrich Pasternak. 8.1.2021, aktualisiert Februar 2025.